Miss Sporty und die Sportlustlosen – Teil 2

Eine Woche später.
Von der Garderobe in den Turnsaal. Der Schockmoment.
Die Seile und Ringe waren bereits heruntergekurbelt, der Sprungbock stand schon wartend in der Mitte, die furchteinflößenden Medizinbälle lagen aufgereiht neben der Sprossenwand , die blauen Matten lagen unter den Seilen, Ringen und hinter dem Bock. Man sah es ihr nicht an, aber ich hatte den Eindruck Miss Sporty lächelte hinterlistig, und genau deshalb traute sich an diesem Tag und auch an den Folgenden niemand mehr beim Rapport als Ausrede *M“ zu rufen.

In den Siebziger/Achtzigern war man noch weit von der Diskussion um die tägliche Turnstunde entfernt.
Wien war gemächlich. Der TV Liebling der Erwachsenen war ein sehr beleibter Hotel Sacher Portier, der bei der Schlüsselausgabe ins Schnaufen geriet, bei der jüngeren Generation der faule Willi aus der Serie Biene Maja. Fußballspielen im Park oder im Hof war verboten, Beckensprünge vom Bademeister untersagt, Autos blieben einmal pro Woche wegen der Ölkrise vor dem Haus stehen, und die Regierung bestand aus einer      (e i n e r ) Partei.

Manches ist geblieben (Beckensprung- und Fußballspielverbot). Aber vieles hat sich verändert.
Die Regierung besteht aus mehreren Parteien und es gibt ein Sportministerium.
Die tägliche Turnstunde ist Thema, Sportvereine werden gefördert und stellen ihren Sport an den Schulen vor. Nicht nur die Sportstars, auch Schülerligen bekommen Platz im Fernsehprogramm (kurz aber doch). In einen Sportverein oder ein Fitnesscenter zu gehen ist hip, man geht nicht ins Training sondern ins „work out“. Kapuzensweater heißen „Hoodies“ und Turnschuhe „Sneakers“.
Statt fader Turnbeutel schultert man schicke „Sackpacks“, welche deshalb auch nicht mehr in der Straßenbahn zurückbleiben können.

Zurückgeblieben ist meine Erinnerung an damals, und die Erkenntnis, dass Miss Sporty es gut gemeint hat.

Denn mit ein paar Sporturkunden im Schrank könnte man nicht nur angeben, sondern sich später auch mehr Respekt verschaffen.
Denn wer einige Jahre später vor den eigenen Kindern nicht als Looser dastehen möchte („die Mama muss sich abstützen!“), da man es nicht schafft geraden Rückens  im Kreuzsitz das Gleichgewicht zu halten, sondern sich mit den Händen am Boden abstützen muss,  sollte früh beginnen, im Turnunterricht nicht lahmarschig zu sein, und am besten auch noch einem Sportverein beitreten.

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Miss Sporty und die Sportlustlosen – Teil 1

Wenn man als eher unsportlicher Mensch sportpolitische Diskussionen rund um die tägliche Turnstunde an den Schulen interessiert verfolgt, selbst jedoch weder ein goldenes Leichtathletikabzeichen, auch keinen Rettungsschwimmerausweis und schon gar keine aufschneiderischen  Skilehrer – Erlebnisgeschichten („damals auf der schwarzen Piste“) im Erinnerungsrepertoire hat, kann man sich doch entspannt und vielleicht – ja zugegeben – auch mit Grauen an den Turnunterricht zurück erinnern, welcher in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch „Leibesübungen“ hieß.

Beim im Öffnen des Erinnerungsschließfaches fällt mir als erstes der Schockmoment entgegen. Der Moment, von einer Turnsaalgarderobe mit einem Geruch wie der einer seit drei Wochen nicht geöffneten Sporttasche, in einen auf minus 5 Grad winterlich gelüfteter Turnsaal hineinzulaufen. (Lange Zeit dachte ich, dass sei der eigentliche Grund wieso man sich vor dem Sport aufwärmen muss)

Ich sehe schwere braune Medizinbälle (wieso heißen die eigentlich so?), von der Decke herabbaumelnde seeehr seeehr lange Seile, Sprossenwände mit Schweißfilm von all den zuvor turnenden und schwitzigen Kinderklammerhänden, und mich selbst wie ein ungelenkiger Cowboy oben am Sprungbock sitzen (mehr Schwung nehmen!!“). Ich sehe Warzen die sich an den Fußsohlen bildeten, da sich die Turnschuhe im Turnbeutel befanden, welcher manchmal zum Zeitpunkt der Turnstunde der Straßenbahn Endstation entgegenfuhr, oder vom Stationsvorsteher bereits achtlos in den Raum der vergessenen Turnbeutel geworfen wurde, wo all meine Turnbeutel vielleicht heute noch seit Jahrzehnten vergammelt ihr Dasein fristen.

Nein, der Turnunterricht stand nicht auf meiner Like Liste. Noch heute jagt es mir einen Schauer über den Rücken, bei dem Gedanken, ohne zu duschen wieder die Alltagskleidung überzuziehen um in der Folgestunde mit verschwitzten Achseln unter dem frischen Pullover eine Mathematik Schularbeit zu schreiben. Es gab zwar Duschen in den Garderoben, doch wer denkt schon morgens mit schulbedingtem Müdigkeitshintergrund an das Einpacken eines Handtuchs? Und überhaupt,  sich nackt zeigen? In einer Zeit als Bravo Hefte noch heimlich unter dem Bett versteckt wurden und das Wort Teenager fast schon verrucht klang. Eher nicht.

An den Namen meiner Turnlehrerin erinnere ich mich nicht mehr. Ich nenne sie hier einfach Miss Sporty, da sie natürlich ein sehr sportlicher Mensch war. Wahrscheinlich ist sie es ja noch immer, sofern die Lahmarschigkeit ihrer ehemaligen Turnschüler sie nicht an den Rand der Verzweiflung oder sogar in eine eigene Sportlustlosigkeit getrieben hat. Sie war nicht besonders groß, trug jeden Tag eine weiße Jogginghose, weißes T-Shirt und das Trillern ihrer Pfeife habe ich heute noch im Ohr. Miss Sporty kannte kein Pardon. Ängste vor abgebrochenen Fingernägeln oder schwitzenden Achseln waren für sie kein Grund die Stunde sitzend auf einer der seitlich stehenden Turnbänke zu verbringen. Als reine Mädchengruppe im Turnunterricht fanden wir jedoch recht schnell heraus, dass es einmal im Monat möglich war, zu Beginn der Stunde beim Rapport, kurz und laut einfach nur „M“ zu rufen, um es sich auf besagter Turnbank am Rande gemütlich zu machen, um dort mit den anderen „M´s“ über die am Vorabend ausgestrahlte 258. TV Folge „Dallas“ und die Ölgeschäftsintrigen des Fieslings JR Ewing, eine Unterhaltung führen zu können. „M“ war das Codewort für Menstruation  und für Miss Sporty scheinbar der einzige gesellschaftlich anerkannte Turnverhinderungsgrund.

Mit der Zeit wurden die sitzenden „M´s“ auf der Turnbank allerdings immer mehr, und als eines Tages fast die ganze Klasse scheinbar zufällig ihre Tage hatte, komischerweise auch schon in der Woche davor, was anatomisch fragwürdig ist, verlor sie die Fassung.

Sie hielt uns einen langen Vortrag über Beweglichkeit, Gelenkigkeit, Gesundheit und Ausdauer welcher mit den Worten schloss „und jetzt hoch mit euren Ärschen“.

Hängenden und gewaschenen Kopfes sprangen wir von den Turnbänken auf. Genauer gesagt, wir schlurften in Gruppen aufgeteilt zur Seitenwand um Seile und Ringe von der Turnsaaldecke herunter zu kurbeln, während andere bückend und schnaufend Medizinbälle aus der Asservatenkammer in die Mitte des Saales rollten. Die dritte Gruppe schleifte schwere blaue Turnmatten herum, und so manch eine wünschte sich das Blaue Etwas wäre der Pool der Villa in Texas, an dessen Beckenrand man selbst Cocktails schlürfen dürfte.

Die Seile und Ringe waren heruntergekurbelt, der Sprungbock stand in der Mitte, die Medizinbälle waren herangekarrt, und die blauen Matten lagen aufgebreitet unter den Seilen, unter den Ringen und hinter dem Bock.
Es läutete.
Miss Sporty sagte kein Wort. Ohne zu duschen gingen wir zurück in die Klasse um dort unser Sitzfleisch wieder der richtigen Position zuzuführen.

Fortsetzung folgt

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Falco

Ende der Siebzigerjahre sagte mal ein von Lahmarschigkeit genervter Tanzlehrer „Wien ist eine alte Dame“.
Über der Stadt lag eine Art schwerfällige graue Häkelhaube. Es wurden Tauben gefüttert und in der Straßenbahn lamentiert. Ein wenig Farbe brachten rot-weiss-rote Fähnchen an Gemeindebaufenstern und auf den Straßenbahnen, welche dann wie kleine aufgesteckte Ohren im Fahrtwind flackerten. Zweimal im Jahr, am Staatsfeiertag und am Tag der Arbeit. Farbliche Abwechslung im Erinnerungsschrank war auch einmal im Jahr der Fasching, welcher seinerzeit in Wien noch bunt und lustig gefeiert wurde, als Clown oder als Krankenschwester verkleidete Menschen in den Büros, in der Schule, und den Verkaufsläden. Achja und die WIG Gartenbauausstellung im Donaupark, ja die gabs auch damals.
Der alte Dame Flair lag dennoch in der Luft, und auch das von John Travolta ausgelöste Saturday Night Fever 1977 konnte nicht viel daran ändern, auch nicht die vielen Discos welche plötzlich wie Schwammerl aus dem Boden schossen (ok, ich war noch zu jung um hochhackige Tanzschuhe anzuziehen und mittendrin zu sein.)

Aber dann kamen die Achtziger. Und dann kam Falco.

Mit Falco wurde Wien plötzlich zu einer glitzernden Weltstadt. Wien war cool. Fortgehen war cool. Die Lokale waren cool. Schwarze Sonnenbrillen und arroganter Blick, selbst war man es dann auch. Songs wie „Ganz Wien… tararara.. ist heut auf Heroin.. tararara….Kokain und Kodein und so weiter….“, brachten so ein verdammt verruchtes und dekadentes Gefühl in die Wiener Lokalszene und in das eigene junge Leben. „Der Kommissar“ und „Jeanny“ taten ihr übriges. Von manchen Radiosendern verboten, wurde das Lied umso mehr zum Kult.
In der Straßenbahn von Häkelhauben angemotzt zu werden war Vergangenheit, mit dem ersten Auto wurde abends losgefahren. In die nächtliche Wiener Glitzerwelt hinein. Und als „Rock me Amadeus“ in den USA zur Number One aufstieg, wurde Wien von uns schon zum Weltkulturerbe und Zentrum der Welt erklärt, bevor es die UNESCO tat.

Ich weiß noch genau wo ich war, als Falcos Song „Vienna Calling“ in den Radios gerade rauf uns runter gespielt wurde.

In einer Wiener Wohnung auf einer naja nicht so angesagten Party bei Freunden. Die Burschen wollten zu später Stunde Karten spielen (also nur die Burschen unter sich, tarockieren war Männersache)  und meiner Freundin und mir war langweilig. Wir kochten  zu später Stunde in der Küche lustig eine Eierspeis während es „Vienna Calling“ spielte. Liebe soll ja bekanntlich durch den Magen gehen und wir wollten die Konzentration im Wohnzimmer wieder auf uns updaten. Doch richtige Tarockierer lassen sich nicht ablenken, nicht mal von einer Eierspeis. Das ist nun schon lange her.

Seit 20 Jahren singt und tanzt Falco nun schon im Himmel, in der Gasse der Ausnahmekünstler. Österreichische Sender gedenken ihm gerade.

Natürlich weiß ich noch wo und wie ich die Nachricht über Falcos Tod erfahren habe.
(auch bei Romy Schneider und Lady Diana weiß ich es. Bei Kennedy war ich noch nicht auf der Welt) Morgens im Bad, mein Mann öffnete die angelehnte Tür und erzählte es mir. Der Eierspeis Ignorant von damals übrigens.

 

 

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Wünsche allen ein schönes Weihnachtsfest!

KarlValentin

 

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Herzstück

Als man neulich der ersten durchgeführten Herztransplantation durch Prof. Dr. Barnard vor 50 Jahren gedachte, wurde in unserer Behausung passenderweise ein Herz ausgetauscht.
Das alte war schon ziemlich lädiert, hatte Risse, Alterserscheinungen und war nicht mehr so ganz auf der Höhe. Also musste ein Neues her. Lange wurde überlegt, gustiert, in Katalogen geblättert, an Einkaufssamstagen im Stau gestanden um neue Herzstücke zu begutachten. Schließlich eines in Auftrag gegeben.
Das alte Stück wurde abmontiert und samt antiquarischen Bröselresten in den Ritzen, von seinerzeit tausenden  geschmierten Schulbroten davongetragen. Seufz.
Da steht sie nun. Die neue Küche. Strahlend weiß und hell. Sauber und unbenutzt.
Noch ist sie nicht meins.
Da muss noch viel gekocht, gebraten, gebacken, gepatzt, gebröselt, geredet, gestritten, und gelacht werden.
Freu mich schon auf Weihnachten.

backen

 

 

 

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Von Autos, Winterzauber und Lottogewinn

„Nur wer sein Brot selbst verdient, kann es auch schneiden“, mit diesem Spruch bin ich groß geworden und ich erinnere mich gut daran, als ich das erste Mal in meiner eigenen Behausung ein Messer zur Hand nahm und mir eine Scheibe Brot, gekauft vom erst verdienten Geld, abschnitt. Ich bildete mir ein, dass die Scheibe schöner, glatter und besser geschnitten war als sonst je davor.
Ob es ein allgemein üblicher und bekannter Spruch war, weiß ich nicht. Google findet ihn jedenfalls nicht, und ich glaube, wenn überhaupt, dass dieser Spruch in einer Zeit entstanden ist, als es noch keine Brotschneidemaschinen gab.

Den Spruch „wer nicht Eis von der Windschutzscheibe des Autos kratzt, hat nicht verdient damit zu fahren“, findet man auch nicht auf Google, denn er stammt von mir.
Mein Slogan der vergangenen Jahre, als die Kinder noch klein waren und ich sie auf das Leben vorbereiten wollte. Während der Rest der Familie Woche um Woche große Wünsche hatte und vom Lotto Sechser träumte, sich die tollsten und schicksten Dinge ausmalte, hoffte ich im Stillen diesen nicht zu gewinnen. Zweimal verrückt. Als hätte wir überhaupt eine Chance darauf gehabt, die steht nämlich so circa eins zu hundert Millionen, und überhaupt, wer bitte wünscht sich schon keinen (k e i n e n) Geldgewinn zu machen?
Niemals hatte ich dies laut ausgesprochen, nur mal hie und da gemurmelt was machen wir denn mit so viel Geld, um sofort verständnislose Blicke zu ernten. Das Gute an diesen Situationen war, dass die Kinder sofort vereint waren. Nämlich in ihrer Meinungsgemeinschaft gegen mich. Wie auch immer, ich wollte es wirklich nicht. Ich wollte keinen riesen Geldgewinn. In meiner Vorstellung nämlich, da waren all die vom Lottogewinn angeschafften dicken und angeberischen Karossen meiner Familie in der großen Garage geparkt, im Vorgarten einer riesigen Villa in einem Schicki Viertel der großen Stadt. Ich sah meine Kinder an einem Wintermorgen bei Schneefall das Haus verlassen, den protzigen Autoschlüssel in der Hand, ins warme von der Garage aufgetaute Auto steigen, ohne dass sie einen Finger dafür krumm machen oder einen Eiskratzer in die Hand nehmen mussten.

Ich wünschte mir etwas anderes für sie.

Das Gefühl in ein altes  gebrauchtes Auto zu steigen, dass einem selbst gehört. Mit eigener Arbeit verdient oder mühsam abbezahlt. Es vom Schnee befreien, Eis abkratzen, die Erleichterung sich aus dem Schneeparkplatz herausgeschaukelt zu haben um dann unter Wintersonnenglanz gemütlich davonzubrausen.

Mittlerweile haben die Kinder ihr selbst verdientes Auto und als ich am 30. November diesen Jahres erstmals in diesem Winter ohne Handschuhe vor meinem Auto stand, den Eiskratzer wie immer nicht sofort fand, vorne an der Scheibe kratzte während es hinten wieder anlief, (ja wäre besser gewesen vorher den Motor zu starten), mir klar wurde, dass ich zu spät in die Arbeit kommen werde und dass meine Augen von dem voll aufgedrehten Windschutzscheiben Gebläse sicher wieder eine Entzündung bekommen werden, da beschloss ich noch am selben Tag bei der Trafik vorbeizufahren um einen Lottoschein zu kaufen.

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Durch die Anstandstür

Ich weiss gar nicht bei wem ich beginnen soll. Bei der Mutter und wie sie wohl empfinden muss, oder bei diesem Vater? Eigentlich mag ich ihn gar nicht als solchen bezeichnen.  Trotzdem, irgendwann muss es mal so etwas wie Liebe zwischen dieser Frau und diesem Mann gegeben haben. Denn von Retorte oder von einer Besenkammer, davon stand nichts in der Teletextmeldung, welche ich gestern las.
Diese Frau und dieser Mann haben eine Tochter. Genaueres weiß ich nicht. Nur, dass dieser Mann, der vor Gericht ging, nun diesen Rechtstreit verloren hat. Das Gerichturteil lautet, dass er der Vater, der sich kürzlich entschied als Mönch in ein Kloster zu gehen,  trotzdem Unterhalt für sein Kind bezahlen muss. Wenn es kein Einkommen gibt, wird wohl so wie in allen anderen Fällen, der Staat einspringen und Vorschuss leisten.

Das das Leben kein rosarotes Märchen ist, die Liebe nicht immer ein ewiges Wunder, nicht alle Mütter und Väter bis ans Lebensende zusammenbleiben, wissen wir seufzend.

Aber es gibt Menschen, die ob zusammen oder getrennt, jede Drecksarbeit annehmen um die Familie, das Kind, die Kinder, durchzubringen. Das Kindergartengeld, die Zahnspange, die Nachhilfe, Kleidung, Essen, ein schönes Weihnachtsfest, später dann vielleicht eine gute Ausbildung. Manche nehmen einen Zweitjob an, sitzen Samstags irgendwo an einer Kassa, halten miesepetrige Menschen aus, nur um Miete und Schullandwoche begleichen zu können.

Es gibt aber auch jene, die alles tun um sich irgendwie davor zu drücken. Aber ein Check in im Kloster?  Das ist eine neue Variante. Hoffentlich macht das nicht Schule.
Dann würde ich nämlich allen Klöstern eine Sicherheitskontrolle empfehlen. So eine Art Charaktertür, bei der ein Lämpchen Alarm schlägt wenn jemand ohne Anstand und Gewissen eintreten möchte.

Möge das himmlische Gericht ihm mal verzeihen, das weltliche hat jedenfalls richtig entschieden.

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Ein Gentleman genießt und sollte schweigen

Wie heißt noch schnell der Mann der mal ein Schlagerstar war und nun seine Memoiren schrieb? Der Name fällt mir sicher bald ein, aber lieber esse ich Kochsalat mit Erbsen (und das ist wirklich ein Graus für mich) als das der Name über meine Lippen bzw Tasten kommt.

In besagten Memoiren kann der/die daran interessierte LeserIn alles über dessen Leben, seine Karriere,  und seine außerehelichen Affairen erfahren. Die Ex Ehefrau, welche jahrzehntelang die Skandale, Sünden und all die fiesen Aktionen dieses Mannes ausgehalten und ertragen hat, vielleicht wegen der Kinder, oder weil sie einfach nur zu schwach war den Mann nach draußen zu befördern, fristet irgendwo im Ausgedinge ihr Dasein. Nicht nur, dass sie alles Schäbige, das sie während ihrer Ehe erlebte, nun auch detailliert nachlesen könnte, ist dies nun auch für Millionen, naja hoffentlich nur ein paar hundert andere Menschen auch möglich. Demütigung nun auch schriftlich und öffentlich.

Wieso leiden Männer bei der Bekanntgabe ihre Eroberungen öfters an Durchlässigkeit als Frauen? Ist es eine Art Urinstinkt Konkurrenten zu beeindrucken oder müssen wir vielleicht einfach nur zurück in die Teenagerzeiten blicken um zu verstehen?
Mädchen hatten Tagebücher, Die waren meist rosa, bedruckt mit Pferdemotiven oder mit weichgezeichneten Liebespärchen am Strand vor untergehenden Sonne.
Das wichtigste Detail an diesen Büchern war aber das Vorhängeschloss! Denn nichts wäre beschämender gewesen als wenn jemand hätte lesen können, in wen man gerade verliebt war, das der Karli so fesch ist, aber mit der blöden Eva geht, oder das es mit Frizzi jetzt endgültig aus und vorbei war . Mathe war schon wieder eine fünf und die Eltern doof.
Buch und Schlüssel zum Vorhängeschloss wurden natürlich weit voneinander entfernt aufbewahrt und wehe jemand missachtete diese Privatsphäre, denn was das Herz bewegte, wen man geküsst oder auch nur davon geträumt hatte es zu tun,  ging nur einen selber oder allerhöchstens die allerbeste Freundin etwas an.

Aus Mangel an Teenagern in der Familie und im Bekanntenkreis habe ich keine Ahnung ob heute in Facebookzeiten überhaupt noch Tagebücher geschrieben werden, aber die Rückkehr zur Geheimniskultur wäre allemal eine gute Sache.

Dem ehemaligen Schlagerstar ein Tagebuch mit Vorhängeschloss zu schenken wäre auch keine schlechte Idee  aber in diesem Fall leider zu spät.
Obwohl, ein bisschen Spaß muss sein.

 

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Sonntags

In der vagen Erinnerung saß die uralte Großtante frühmorgens bis spätabends im Wohnzimmer im schweren Fauteuile, eine dicke grüne Decke auf der Schoß, auf dieser ihre müden gichtigen Hände ruhten, und döste in der Gnade des Vergessens die meiste Zeit vor sich hin, bis sie abends wieder nach oben in ihr Zimmer zu Bett gebracht wurde. Im wachen Zustand, meist wenn nachmittags der Fernseher eingeschalten wurde, oder Zeit zum Essen war, sorgte sie oft für Erheiterung mit Sätzen wie Pfui Teifl schmeckt des guat.
Dann wurde gelacht, über die schrullige lustige Tante, die wiederum an anderen Tagen scheinbar von düsteren Gedanken geplagt, gebetsmühlenartig „Eines Tages wachen wir Sonntags auf, und die Russen sind da“,  vor sich hin murmelte.

Mit diesem Satz wuchsen österreichische  Kinder in den Siebzigern auf.

Als hätten sich damals die Alten auf rätselhafte Weise abgesprochen,  war diese Prophezeiung von Wien bis Vorarlberg, beim Friseur, beim Heurigen , im Wirtshaus, am verrauchten Stammtisch, überall im Land, und das in damaligen Zeiten ganz ohne Facebook Vernetzung, zu hören. Es wurde gemurmelt und gemurmelt „Eines Tages werd ma aufwachen am Sonntag in der früh. Und da Russ is da“. Danach wurde zustimmend genickt, wissend geseufzt, schließlich das Krügerl in die Hand genommen. Prost. Das Leben geht weiter, muss es ja. Bis dahin auf jeden Fall.

Interessanterweise kam einhellig der Russe immer Sonntags, und immer morgens.

Für uns Kinder verwirrend. Schließlich hatten wir in der Schule vom Staatsvertrag gelernt, von der immerwährenden Neutralität und das der Krieg schon lange vorbei war. Wieso sollten da die Russen kommen? So ein Unsinn. Unvorstellbar.
Im Fernsehen lieferten sich Tom & Jerry endlich auch in Farbe quietschende Jagden, ABBA setzte neue Modeakzente, Falco besang den Kommissar, Österreich trat der EU bei, ein neues Jahrtausend flitzte vorüber. An den Stammtischen wurde es ruhiger, zumindest was das Eintreffen der Russen am Sonntag betraf, und plötzlich – wie ein Wimpernschlag – wurde vor nicht allzu langer Zeit siebzig Jahre Frieden in Europa gefeiert.

Der berühmte Sonntag Satz fiel mir wieder ein als ich vor kurzem in den Nachrichten über das Manöver in Russland las, welches man – so manche Medien – wie ernsthafte Vorbereitungen auf einen großen Krieg betrachten könnte.

In Gedanken reise ich zurück zu den damaligen Stammtischen, trete ein und höre den Gesprächen zu. Die Köpfe drehen sich zu mir. Verwundert werde ich gefragt was ich da in meiner Hand halte. Ich sage, das ist ein Telefon, es ist so klein dass es in die Hosentasche passt, es hat keine Wählscheibe, aber es schaltet sich mit Gesichtserkennung ein. Ich kann mit ihm sprechen, es gibt mir Antwort.
„Unsinn. Unvorstellbar“, sagen die Alten am Stammtisch und schütteln den Kopf.

Manchmal möchte man die Welt anhalten, damit all der Unsinn mal Pause macht.

 

 

 

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Du hast es gut Mietze

An manchen Morgen fällt es schwerer als sonst, in die Arbeit aufzubrechen. Nach einer Zeit mit einigen Feiertagen zum Beispiel. Wenn ein Zahnarzttermin am Kalender eingetragen ist, oder ein Problem im Büro wartet, zu blöd auch, wenn man emails zum Frühstückskaffee schon liest. Oder das Horoskop. In dem geschrieben steht, dass der Jupiter gerade ungünstig positioniert ist. Ja stimmt, draußen scheint die Sonne und gerne würde man so wie die Mietze weiterhin faul herumhängen, darf aber nicht. Die ist gerade selten kuschelig. Die grünen Augen senden mir die Nachricht. Bleib doch da. Ja danke, mach es mir nur noch schwerer.
Die Straßen sind wieder so voll, über die Pfingstfeiertage war es ein wenig angenehmer. Viele hatten sich für ein langes Wochenende freigenommen, in die Staukarawanen hineingereiht und sind weggefahren, andere haben die Durchsagen zuhause entspannt aus dem Radio gehört. Für manche gab es gar keine Feiertage, sonst wär keine Bim und kein Bus durch die Stadt gefahren, kein Arzt und keine Schwester hätten Notfälle versorgt. Manchen macht es nichts aus, denn mit dem ganzen Hokuspokus, Heiliger Geist und so, sagen sie, können sie eh nichts anfangen.
Uns Kindern von damals, aufgewachsen ohne RTL, hat man einst die biblischen Geschichten sehr spannend erzählt. Wir glaubten gern, und dachten ehrfürchtig über all die Wunder nach die sie enthielten. Die Predigten des Herrn Kaplan dauerten gefühlt eine Ewigkeit, aber umso schöner das Heraustreten in die Sonne und das Streuen der Rosenblätter vor der Kirche. Erinnerungen, die immer noch verwurzelt sind.

Die morgendlichen Staudurchsagen verkünden gerade Erleichterung, es gibt keine Ausrede mehr.
Für dich Mietze ist immer Feiertag, du hast es gut.

 

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