Sonntags

In der vagen Erinnerung saß die uralte Großtante frühmorgens bis spätabends im Wohnzimmer im schweren Fauteuile, eine dicke grüne Decke auf der Schoß, auf dieser ihre müden gichtigen Hände ruhten, und döste in der Gnade des Vergessens die meiste Zeit vor sich hin, bis sie abends wieder nach oben in ihr Zimmer zu Bett gebracht wurde. Im wachen Zustand, meist wenn nachmittags der Fernseher eingeschalten wurde, oder Zeit zum Essen war, sorgte sie oft für Erheiterung mit Sätzen wie Pfui Teifl schmeckt des guat.
Dann wurde gelacht, über die schrullige lustige Tante, die wiederum an anderen Tagen scheinbar von düsteren Gedanken geplagt, gebetsmühlenartig „Eines Tages wachen wir Sonntags auf, und die Russen sind da“,  vor sich hin murmelte.

Mit diesem Satz wuchsen österreichische  Kinder in den Siebzigern auf.

Als hätten sich damals die Alten auf rätselhafte Weise abgesprochen,  war diese Prophezeiung von Wien bis Vorarlberg, beim Friseur, beim Heurigen , im Wirtshaus, am verrauchten Stammtisch, überall im Land, und das in damaligen Zeiten ganz ohne Facebook Vernetzung, zu hören. Es wurde gemurmelt und gemurmelt „Eines Tages werd ma aufwachen am Sonntag in der früh. Und da Russ is da“. Danach wurde zustimmend genickt, wissend geseufzt, schließlich das Krügerl in die Hand genommen. Prost. Das Leben geht weiter, muss es ja. Bis dahin auf jeden Fall.

Interessanterweise kam einhellig der Russe immer Sonntags, und immer morgens.

Für uns Kinder verwirrend. Schließlich hatten wir in der Schule vom Staatsvertrag gelernt, von der immerwährenden Neutralität und das der Krieg schon lange vorbei war. Wieso sollten da die Russen kommen? So ein Unsinn. Unvorstellbar.
Im Fernsehen lieferten sich Tom & Jerry endlich auch in Farbe quietschende Jagden, ABBA setzte neue Modeakzente, Falco besang den Kommissar, Österreich trat der EU bei, ein neues Jahrtausend flitzte vorüber. An den Stammtischen wurde es ruhiger, zumindest was das Eintreffen der Russen am Sonntag betraf, und plötzlich – wie ein Wimpernschlag – wurde vor nicht allzu langer Zeit siebzig Jahre Frieden in Europa gefeiert.

Der berühmte Sonntag Satz fiel mir wieder ein als ich vor kurzem in den Nachrichten über das Manöver in Russland las, welches man – so manche Medien – wie ernsthafte Vorbereitungen auf einen großen Krieg betrachten könnte.

In Gedanken reise ich zurück zu den damaligen Stammtischen, trete ein und höre den Gesprächen zu. Die Köpfe drehen sich zu mir. Verwundert werde ich gefragt was ich da in meiner Hand halte. Ich sage, das ist ein Telefon, es ist so klein dass es in die Hosentasche passt, es hat keine Wählscheibe, aber es schaltet sich mit Gesichtserkennung ein. Ich kann mit ihm sprechen, es gibt mir Antwort.
„Unsinn. Unvorstellbar“, sagen die Alten am Stammtisch und schütteln den Kopf.

Manchmal möchte man die Welt anhalten, damit all der Unsinn mal Pause macht.

 

 

 

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Du hast es gut Mietze

An manchen Morgen fällt es schwerer als sonst, in die Arbeit aufzubrechen. Nach einer Zeit mit einigen Feiertagen zum Beispiel. Wenn ein Zahnarzttermin am Kalender eingetragen ist, oder ein Problem im Büro wartet, zu blöd auch, wenn man emails zum Frühstückskaffee schon liest. Oder das Horoskop. In dem geschrieben steht, dass der Jupiter gerade ungünstig positioniert ist. Ja stimmt, draußen scheint die Sonne und gerne würde man so wie die Mietze weiterhin faul herumhängen, darf aber nicht. Die ist gerade selten kuschelig. Die grünen Augen senden mir die Nachricht. Bleib doch da. Ja danke, mach es mir nur noch schwerer.
Die Straßen sind wieder so voll, über die Pfingstfeiertage war es ein wenig angenehmer. Viele hatten sich für ein langes Wochenende freigenommen, in die Staukarawanen hineingereiht und sind weggefahren, andere haben die Durchsagen zuhause entspannt aus dem Radio gehört. Für manche gab es gar keine Feiertage, sonst wär keine Bim und kein Bus durch die Stadt gefahren, kein Arzt und keine Schwester hätten Notfälle versorgt. Manchen macht es nichts aus, denn mit dem ganzen Hokuspokus, Heiliger Geist und so, sagen sie, können sie eh nichts anfangen.
Uns Kindern von damals, aufgewachsen ohne RTL, hat man einst die biblischen Geschichten sehr spannend erzählt. Wir glaubten gern, und dachten ehrfürchtig über all die Wunder nach die sie enthielten. Die Predigten des Herrn Kaplan dauerten gefühlt eine Ewigkeit, aber umso schöner das Heraustreten in die Sonne und das Streuen der Rosenblätter vor der Kirche. Erinnerungen, die immer noch verwurzelt sind.

Die morgendlichen Staudurchsagen verkünden gerade Erleichterung, es gibt keine Ausrede mehr.
Für dich Mietze ist immer Feiertag, du hast es gut.

 

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Schwiegervater

der Mittagstisch war bei Eintreffen immer schon fertig gedeckt, mit weißem Tischtuch und dem besten Porzellan aus der Anrichte, so wie sich das Sonntags gehört. Was magst denn trinken mein Madl? Die obligatorische Frage bei der Begrüßung, denn der trockene Weiße, den das Madl gerne trinkt, stand im Esszimmer doch schon längst bereit. Bei den Schwiegerleuten gab es halbe halbe bei der Arbeitsteilung, und zwar lange schon bevor es in der Politik und der nächsten Generation zum Thema wurde. Der Vater hievte die schwere Fritteuse vom Kasten, deckte den Tisch, brachte den üblichen Stromausfall wieder in Ordnung, begrüßte die Ankommenden. Die Mutter, Herrscherin der Küche, rührte derweil im Topf und sicher auch schon mal an seinen Nerven.
In der Einbauschrankvitrine auf weißem Häkeldeckchen, immer eine Flasche Metaxa, mitgebracht von der letzten Ferienreise, bereit um herausgeholt zu werden wenn es etwas zu feiern gab, oder aber um Gelassenheit zu bewahren vor so manch schwieriger Situation.

Nie fielen böse Worte, sein gütiger Humor und seine Demut vor dem bescheidenen Glück hätten das nicht erlaubt. Seine Kinderstube auch nicht.
Die war in den Nachkriegsjahren in Wien Brigittenau. Ein Bezirk nahe der Donau und des Wiener Praters. Zuhause der Heimkehrer-Vater mit Kopfschusswunde, draußen auf der Straße trieben sich Gangs vom Gemeindebau und die Gauner  der nahen Unterwelt herum. Den Halbseidenen lediglich die Frisur nachgemacht, die kleinen schwarzweiß Fotos von damals zeugen davon. Fotos, wie aus dem Kinoprogrammheft Die Halbstarken entsprungen.

Groß und ganz stark ist er dort geworden. Ein Bollwerk von Mann. Einer den man sich herbeiwünscht wenn man durch den Wald oder durch das Leben hüpft, und doch Angst vor Bären, Spinnen oder Lehrern hat.

Jung hatte er die Liebe gefunden. Die erste Wohnung, die ersten Kinder, die ordentliche Welt der damaligen Jahre. Seine beiden Buben wurden von ihm ins Gymnasium geschickt, obwohl das damals in den Siebzigern nur etwas für die besseren Leute war. Das Bärenfell am Weg zu Elternsprechtagen übergeworfen und so einigen Lehrern mit Stolz und der Würde eines Arbeiters gegenübergetreten. Es sollte was Anständiges werden aus den beiden, etwas worüber er dann später in der Nachbarschaft und auf der Arbeit erzählen könnte. Oft war es nicht einfach bis dorthin. Einer der Buben hat ihn am Weg zum Erwachsen sein ganz schön gefordert. Dabei hat eine gebrochene Vereinbarung, ein unerlaubt gefahrenes Auto und die zufällige Begegnung an einer Kreuzung auch eine Rolle gespielt. Der Metaxa wurde aus der Vitrine geholt. Bevor der Bub nach Hause kam.

Aus seinen Söhnen ist dann später schon was recht ordentliches geworden. Die Familie wurde grösser, erweitert mit Schwiegertöchtern und Enkelkindern. Sonn und Feiertags, wenn das weiße Tischtuch ausgebreitet wurde, die Mutter ich Kochtopf rührte, und der Strom  unter der Last der glühenden Herdplatten zusammenbrach, da trafen sich alle unter seiner Patronanz. Sogar die Enkelkinder waren dabei artiger als sonst.

Dann wurdest du krank. Ich wollte davon nichts wissen, jag ihn doch einfach fort den Bären, so wie du es immer für andere getan hast. Das ich dich nicht so oft im Spital besuchte wie du es verdient hättest, holt mich immer noch ein.

Der Bär hat gesiegt, und auch du bist schon lange gegangen lieber Schwiegervater. Aber es gibt Menschen, die haben auch nach dem Tod noch Präsenz.
Du bewegst dich schon wie dein Vater, sagte ich neulich zu deinem Sohn. Nur das mit dem Spinnen verjagen, das könnte er noch ohne murren bitte übernehmen.

Heute ist bei uns in Österreich Vatertag. Für alles mögliche und unmögliche gibt es schon einen Tag. Nur speziell für Schwiegerväter nicht. Dabei sollten auch sie einmal im Jahr gefeiert werden.
Männer, die neue Töchter vorbehaltlos in Familien willkommen heißen.

Ich trink heute ein Glas Metaxa auf dich.

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Patch „work“

Die Märchen aus Kindertagen versprachen uns die Liebe die ewig hält. Später in den Hochglanzmagazinen geblättert und über die Liebe, Sommer, Sonne, Champagner, und wenn sie nicht geschieden sind, streiten sie noch heute, gelesen. Die Dämmerung dass oft mehrere Frösche geküsst werden müssen, und das dies auch andere mit dem gleichen tun.

Eine berühmte Schauspielerin, drei Kinder von drei Männern. In ihren Filmen spielte sie meist eine starke Frau, eine die das Leben schupft, auf falsche Frösche trifft und am Schluss doch den richtigen bekommt. Eine die alles meistert, das Glück, das Unglück, die Liebe, die Scheidungen, oder eine ganze Kinderschaar. Die Rollen wurden zu ihrem Leben. Patchworkfamilie hoch drei.

Wie anstrengend muss das sein. Immer so tun als wäre alles happy peppy. Als würde einem das neue Glück der Ehemaligen nichts ausmachen.  Die neuen Frauen, die neuen Kinder, frei Haus geliefert. Und immer lächeln, so tun als wär es das normalste der Welt, ja nicht zuzugeben das man der Neuen gerne auch mal die Augen auskratzen würde. Nein, nicht weil man den Frosch noch will, aber eine andere soll ihn irgendwie auch nicht haben dürfen. Die verliebten Blicke sehen, die mal einem selbst gegolten haben. Die neuen Kinder zuhause willkommen heißen, los spielt schön miteinander. Hunderte von Fragen lösen. Wann fährt wer mit wem auf Urlaub, wann holt wer wen vom Sportunterricht ab, wo wird Weihnachten gefeiert, wo der Geburtstag, wer übernachtet wann und wo.  Auf alle Animositäten der Patchworkmitglieder Rücksicht nehmen, nur nicht auf sich selbst.

Die berühmte Schauspielerin hat diesen Wahnsinn irgendwann nicht mehr ausgehalten. Immer stark sein, immer das Herdentier sein, wie sie sagte, immer alles checken, dazu Champagner trinken und auf Familienfesten und roten Teppichen kräftig lächeln. Das Champagnerquantum wurde erhöht, und die Hochglanzmagazine schrien vor Glück. Schauspielerin mit Promille in Unfall verwickelt.
Tja, das Pech wenn man berühmt ist, oder das Glück das es aufgeflogen ist. Vielleicht die Chance, wie nach einem Grubenunglück wieder ins Licht zu treten.

Liebe M., kurz nach der Geburt deines dritten Kindes hat dich mal eine Tussi Reporterin nach deinen Diätplänen gefragt. Du hast geantwortet, ein Baby will doch keine nervenkranke Mutter. Ich hätte dich umarmen können für diesen Satz.
Ich hoffe das dies jemand anderer tut, und dir in Erinnerung ruft, nicht immer perfekt sein zu müssen.

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Mailüfterl

Wie schnell doch wieder die Zeit vergangen ist. Vor einem Wimpernschlag erst, da war es kalt und trist, es schneite und der Nordwind blies ins Gesicht.
Und jetzt, die Fenster und Balkone geputzt, die Schanigärten geöffnet, die Winterstiefel in Schachteln verbannt.
Die Vespas und Mofas knattern dahin, mit all den jungen Menschen, so hübsch und mit einer pfiffigen Bescheidenheit die noch nicht weiß was alles werden wird. Dolce Vita in den Parks, wo die Heinzelmännchen vom Stadtgartenamt schon da waren ohne das man sie je gesehen hat, glückliche Kinder die durch die Pfützen des Mairegens springen dürfen, ein mildes Lächeln bei jenen die schon wissen wie alles geworden ist. Die Katzen ziehts nach draußen, lassen sich die noch zarte Sonne auf den Bauch scheinen, zu satt und zufrieden um Mäuse zu fangen. Jetzt weiß ich woher das Wort Faulpelz kommt. Ja, das abschalten soll man sich einfach von ihnen abschauen, viel einfach und billiger als sich von teuren Wunderwuzzis in klimatisierten Seminarräumen berieseln zu lassen.
Das Mailüfterl weht durch die Frühlingsmode und riecht wie frisch gewaschenes Haar. Die Erdbeeren vom Bauer der Region schmecken endlich nach Mai, und nicht nach Flugzeug und Kondenswasser, so wie all die Früchte die uns in den en gros Regalen rund ums Jahr in Platikbehältern entgegenleuchten.

Ab auf die Wiese und in die Parks, Stresskarawanen auf den Straßen und in den Geschäften vermeiden, lieber ohne neues Schuhwerk ins taunasse Gras eintauchen.
Den Donnerstag des Sommers genießen.

 

mai

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So ein Depp

das Pendant zum alt ehrwürdigen Wiener Kaffeehaus, wo der klischeegrantige Herr Ober mit schwarzer Fliege die Gäste gnadenhalber bedient, ist eine Kaffeehauskette mit rosa weißem Logo, in der vorwiegend weibliches Personal, mit farblich der Firma angepasstem Outfit, freundlich den Kaffee, und manchmal auch Punschkrapferl servieren.

Etwas kühl noch unter der Markise mit Blick auf die schöne Enkplatz Kirche, aber heiß und gut der Melange vor mir. Neben mir bahnt sich ein Ohrenschmaus an.
Er liest Zeitung, sie sinniert. Der Freundeskreis ist auch nicht mehr was er mal war. Der Herbert zum Beispiel, der alte Depp.  Jünger als sein Sohn ist Herberts neue Freundin. Das Küken will sicher bald ein Kind vom ihm. Im Haus hat sie sich auch schon eingenistet. Ausnehmen wird sie ihn wie eine Weihnachtsgans. Der Depp kann ihr ja keinen Wunsch abschlagen. Das Hirn halt in die Hose gerutscht. Und eine neue Küche will sie haben, dabei war die alte doch picobello. Kaufen tut ihr der Herbert alles mögliche. Neue Ski, neues Smartphone, sogar eine Privatversicherung. Wozu dieser Schnickschnack.  Unsereins hat die Kinder ja auch ganz normal im Spital bekommen ohne Teelichter Pipapo im Kreißsaal und Schwarzwald Doktor.
In den Urlaub fahren oder stressfrei ins Kaffeehaus gehen, so wie wir,  das kann sich der Herbert dann abschminken. Sie schmiegt sich an ihn. Zweisamkeit wärmt.
Mit den gemeinsamen Motorradtouren wird’s vorbei sein, brummt jetzt er und sieht von der Zeitung auf.
Sein Blick fällt auf die Punschkrapferl.
Unter der Markise ist es dann wieder kühler geworden.

punsch

 

 

 

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Wenn Erinnerungen baden gehen

im Garten einer jungen Familie wird ein Pool gebaut. Ein Schwimmbad, wie es eigentlich heißt. Damit der Bagger aufs Grundstück fahren kann, müssen Schaukel, Rutsche und Dreimeterpiratenturm seitlich an die Hausmauer gekarrt werden. Die Mama des Hauses überwacht die Arbeiten, hat Kleinkind am Arm und ein wenig Stolz in den Augen.

In zuckerwattefarbenen Erinnerungen sehe ich mich Hand ihn Hand mit der Mutter ins Schwimmbad gehen. Gehen wir ins Bad. Der Satz toppte an Ferientagen voller sommerlicher Leichtigkeit, das schwarzweiße Nachmittagsprogramm im Fernsehen. Ich sehe meine Kinderfüße in den blauen  Plastiksandalen und den Weg zum Schwimmbad noch ganz genau vor mir. Vorbei am Spielplatz, der Bäckerei, der Tauschbörse mit den gebrauchten Waren, der Kirche mit dem schwarzen schmiedeeisernen Zaun, und dann endlich die Linkskurve, von da an es bergauf ging und bald zu sehen war, ob die gefürchtete blaue Flagge vor dem Freibad gehisst war. An sehr heißen Sommertagen konnte das schon mal vorkommen. Die  Kästchen mit dem modrigen Holzgeruch, nie bekam man eines an der Seite, sondern immer  unbequem mittendrin. In der Umkleide schon der Geruch von Chlor und die gedämpften Freibadgeräusche von draußen. Lachen und schrille Kinderschreie, das Wasserplatschen wenn ein Frecher den Sprung vom Beckenrand wagte. Das schrille Geräusch der Trillerpfeife vom braungebrannten Bademeister. Das Suchen nach einem freien Platz auf der Wiese. Die harten Holzpritschen, so begehrt, und nie frei. Eis am Stiel essen, in der Wiese in den Kleeblättern kramen und nach dem kleinen Glück suchen.
Auf der karierten Wolldecke liegen, der Blick hinauf auf den Sommerhimmel, auf die grünen Wipfel der Birken in denen der Sommerwind die Äste sanft bewegt, das Pfeifen der Schwalben und  das süße Gefühl von Kindheit.

Einige Jahre später traf man sich dort nachmittags mit Freundinnen, brauste in der Straßenbahn mit Walkmen und It Never Rains in Southern California gedanklich Richtung Malibu Beach, um dem Mief des Klassenzimmers zu entfliehen. Dass die Endstation dann Ottakringer Bad hieß, tat nichts zur Sache, Hauptsache es konnte auf der Liegewiese der Willi und seine Clique unauffällig durch die Spiegelbrille beobachtet, und heimlich die ersten Zigaretten geraucht werden.
Auf der ausrollbaren Strohmatte liegen, der Blick hinauf auf den Sommerhimmel, auf die grünen Wipfel der Birken in denen der Sommerwind die Äste sanft bewegt, das Pfeifen der Schwalben und der süße Wunsch erwachsen zu sein.

Manche Erinnerungen gehen baden, manche bleiben auch wenn sie noch so einfach sind.

 

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Jack

Hereinspaziert! Lokalaugenschein bei einer Haustiermesse in der ehemaligen Schlachthofhalle Wiens. Dort wo einst  Rindvieh in Todesangst vorangetrieben wurde, treibt sich nun eine Menschenmasse durch ein Labyrinth von Verkaufs- und Imbissständen. Vorbei an Leuchtschriftreklamen mit  klingenden Namen wie Gaumensex. Vor so einer steht ein massiges Rindvieh und zwitschert Bier. Vom lustigen Namen der Ausschank angeheitert, schiebt er gleich selber einen Witz. Schaut an die Elefantenkugel, meint er mit Blick auf seine schwangere Frau und lacht, so dass sein Bierbauch schwabbelt.
Vorbei an Tierkäfigen und Pagoden mit bunten Luftballons. Informationsbroschüren über Hunderassen und Zuchtadressen. Ticketabschnitte und leere Coladosen am Betonboden. Gibt’s hier keine Mistkübel?  Dafür jede Menge Utensilien zum Erwerb. Hundeleinen in allen Farben und Mustern,  Katzenkratzbäume in allen erdenklichen Größen, Fressnäpfe zum abwinken, Prêt-à-porter Hundemäntelchen, Polstermöbel, Katzenleinen.
Gedränge  vor einer Bühne. Musik schallt über den Lautsprecher. Ein kleiner Hund versucht mit seinen vier Pfoten auf ein Seil zu steigen. Ein Mann mit Mikrofon feuert ihn an. Er rutsch ab, Gelächter. Er probiert es nochmals. Für ein paar Sekunden steht er am Seil. Applaus.

Genug gesehen.

Ich dache an den seligen Jack, den Hund meiner Großeltern. Eine Rasse war ihm nicht zuzuordnen, kein Ahnenbaum und kein Wurfverzeichnis. Er konnte nicht seiltanzen, aber er wusste jeden Tag ganz genau um welche Uhrzeit unten an der Hauptstraße der Bus aus der Stadt ankommt, aus dem das Herrl aussteigen wird. Er lief ihm entgegen und begleitete ihn nach Hause. Sein Platz war auf der Veranda, bei Sonne, Regen und Schnee, Tag und Nacht. Nur wenn es draußen ganz eisig stürmte durfte er hinein in die warme Stube. Auf Haus, Hof und Bewohner aufgepasst hat er, als würde er darauf warten das Tarantino vorbeikommt um ihn als Security zu entdecken. Zwischenzeitlich verjagte er gerne Katzen aus seinem Revier. Dieses vergessliche Volk aus den Nachbarsgärten lernte einfach nicht dazu. Wie gut dass es den Kirschenbaum als Rettungsinsel gab.
Als er alt, krank und blind wurde, erlöste ihn mein Großvater von seinem Leid. Seitdem ist er im Hundehimmel und sollte es dort auch Katzen geben, wird er seinen Spaß schon haben.

 

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Endspurt

Februar. Die Stimmungslage in der Stadt gleicht ein wenig der dieser tristen Wohnanlagen nahe der Peripherie, dort wo das Leben für die Bewohner meist chronisch schwerer zu sein scheint als woanders. Es schneit nicht mehr. Nur mehr vereinzelt schwingen ein paar winzig kleine Schneeflocken durch die grautrübe Luft bis sie am Boden aufschlagen und sich auflösen. Grauschwarze Schneehaufen sind noch übergeblieben, platziert an Gehsteigränder und zwischen schmutzigen Autos. Kahle Gebüsche, unter denen der geschmolzene Schnee den Müll der letzten Monate freigelegt hat. Getränkedosen, Pizzaschachteln, da und dort Plastikmüll. In so mancher Parkanlage auch Zurückgelassenes von armen kaputten Menschen die mit diesen Utensilien kurz in ein besseres Leben abfliegen wollten. Schanigärten im Winterschlaf. Die Tische und Sessel überzogen mit graugrünen Planen, Schmutz und Taubendreck. Kaum zu glauben dass hier irgendwann wieder unter Sonnenschirmen Cappuchino und Aperol an fröhliche Menschen serviert werden wird. Den ganzen Tag ein Licht als würde der Himmel gleich erlöschen, die Lampen aber noch nicht anspringen. Wie wenn in aller Herrgottsfrüh bereits schon später nachmittag wäre. Dann, wenn die
U-Bahnen die Menschen ausspuckt, die es gleich nach Hause treibt. Hastend, etwas nach vorne gebeugt vom Gegenwind. Manche schleppen sich vorher noch in den Supermarkt.
„Wenn es hier nicht steht dann haben wir es auch nicht!“ Schnippische Antwort der Regalschlichterin. Na wahrscheinlich hat sie auch schon die Pullover-überzieh-Allergie. Oder aber auch nur die gegen blöde Fragen von Kundinnen.

Nur noch 19  Tage. Dann ist 1. März.
Das klingt nach Frühling, nach Leberblümchen im Wald, nach Märzenbecher im Park. Nach Eisgeschäften die ihre Pforten öffnen.
Nur noch 19 Tage.
Durchhalten!

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„Abschalten“

Die Sonntagsknödel köchelten gerade vor sich hin, als sich zur selbigen Zeit irgendwo am Stadtrand von Wien, Herr Radek, diensthabender Leiter des E Werks, sich in sein Auto setzte, um sich auf den Weg eben dorthin zu machen. Herr Radek hatte jedoch kein Interesse an den Knödeln, in diesem Moment sogar an keinem anderen Mittagsmahl. Er fuhr 55 Kilometer zu dem Wochenendhaus seines besten Vorarbeiters. Zu einem Wochenendhaus ohne Telefonanschluss.
Ein Notfall in einem Schacht. Bitte mitkommen. Da half auch das verzweifelte „Aber die Knödel, die guaden Knödel..!“ der beschürzten Vorarbeiterfrau nichts. Notfall ist Notfall, und der gute Mann musste leeren Magens 55 Kilometer mit dem Herrn Radek, ebenfalls mit leerem Magen, zurück in die Wiener Peripherie fahren, und dem Notfall in einem der Schächte, an den Kragen zu rücken.

Hätte es die Segnungen der neuen Zivilisation schon vor vierzig Jahren gegeben, hätte sich Herr Radek  110 Autokilometer erspart. In dem besagten Wochenendhaus hätte das Handy geklingelt, und der Mann der Knödelköchin hätte auch sicher abgehoben. Denn, und das weiß ich aus Erzählungen, es war der einzige sonntägliche Notfall in all seinen Arbeitsjahren im E Werk gewesen.

Reine Spekulation ist es jetzt, dass Herr Radek vielleicht öfters nach Dienstschluss oder an Sonn und Feiertagen angerufen hätte; hätte es seinerzeit schon Handys gegeben. Dass er den Kreuzschraubenzieher gerade jetzt nicht finden kann, wo liegt der denn, der Spannungsmesser auch wieder einmal gewartet gehört, oder dass ein Fahrradl vor dem E Werk umgefallen ist.

In Frankreich gibt es ein neues Gesetz. Arbeitnehmer dürfen in der Freizeit das Diensthandy abschalten weil permanente Erreichbarkeit krank macht.
Schade, dass es dafür erst ein Gesetz braucht. Aber gut so, und ein Anfang für all jene, die noch nicht bereit sind für „ich habe Wochenende und „schalte ab““, oder auch für all jene, die einfach nur aus Angst den Job zu verlieren, dies nicht tun.

 

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