Das schönste Lied der Welt

Die Overalls, wie bunte Farbkleckse in den schwarz weißen Erinnerungen. Am Rodelberg, zu dem die Väter mit den Kindern immer aufbrachen, am 24., am Vormittag, damit das Christkind kommen kann. Ist das Fenster daheim einen Spalt offen? Denn wie soll das Christkind denn sonst in das Zimmer gelangen und all die Geschenke niederlegen. Das wäre ein Drama gewesen. Gedanken die durch den Kopf kreisten während die Holzrodel an der Schnur den Hügel hochgezogen wurde.  Die weisse Haube die am Kinn zu binden war, und grässlich kratzte, aber niemals hätte man sich getraut diese einfach in eine Ecke zu schmeißen . Der freche Fritzi aus der 1b, der vielleicht, der hatte natürlich auch die schnittige Rennrodel mit der er wagemutig den Hügel runter fetzte.
Am nachmittag dann fernsehen, Kinderfilme im staatlichen Sender, ausnahmsweise bis zum Abend, bis zur Bescherung. Das war, ja, wie Weihnachten.
Der Christbaum dann wieder in Farbe. Dunkelgrün mit roten echten Kerzen und  Strohsternen. Und der Geruch von Fichtennadeln und Kerzenwachs. Ein Geruch der nie aus der Nase geht, so wie der einer frisch gedruckten Zeitung oder frischem Croissants.

Irgendwann war man groß, und fand Weihnachten dämlich. Schick wollte man sein, und dieses Fest mit seiner Rührseligkeit passte da nicht so recht hinein. Man traf sich untertags mit angesagten Freunden im angesagten Lokal und schlürfte angesagten Frizzante. Elektrische Lichterkette statt echten Kerzen. Einfacher, schicker und keine Brandgefahr. Die blöden Geschenke waren abgeschafft. Bares oder Gutscheinmünzen bitte. Lieber gleich das richtige selber kaufen als nachher das falsche Parfum umtauschen.

Irgendwann war man noch grösser, und bekam selber Kinder. Fühlte sich an wie beim DKT. Zurück an den Start.  Nur mit vertauschten Rollen und ohne Verschnaufpause in der Arrest Ecke. Weihnachten. Vollgas. Denn perfekt und weihnachtlich sollte wieder alles sein, kein Kinderwunsch unerfüllt bleiben. Gerenne durch die Einkaufsstraßen, vorbei an den Wäschegeschäften mit den roten verwegenen Waren in den Schaukästen, hetzend und  Jingle Bells berieselt durchs Labyrinth der Mega Elektrogeschäfte, schwindelig nicht vom Frizzante oder vom Fritzi, der einen mit seiner Rennrodel geschnitten hat, sondern vom Angebot an Computerspielen, Gameboys, Nintendos und all den Must Haves, ohne denen es vielleicht enttäuschte Kinderherzen gäbe.

Doch wie auch immer die weihnachtlichen Umstände sind. Es gibt immer zwei Minuten, während diesen Weihnachten plötzlich ganz  Weihnachten ist. Zwei Minuten, in denen all die durcheinander geratenen Gedanken sich im Kopf auskreiseln. Das Jesuskind Platz nimmt im Herzen, die Krippe vor den Augen erscheint, der heilige Josef und die Mutter Maria in ihrer Anmut die Seele zur Ruhe bringt. Wo plötzlich alles so klar ist und rein. Man gedanklich durch einen verschneiten Peter Rosegger Wald stapft, Kirchenglocken einer Dorfkirche hört.
Die Nacht heilig wird.

Stille Nacht, heilige Nacht.

Danke an Joseph Mohr und Franz Gruber und für das schönste Lied der Welt.

 

 

 

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Wer auch immer zu euch kommt

weihnachten2

Ich wünsche ein schönes Weihnachtsfest im Kreise eurer Lieben, Glück und Gesundheit im kommenden Jahr!

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Unter den Dächern

Flach ist das neue Schräg.
Einfamilienhäuser, Wohnanlagen, Berghütten oder Reihenhäuser. Die neuen Dächer, die sind so flach wie die Puszta. Sogar ganz oben am Berg da stehen jetzt die Becherhütten, so heissen die.
becherhutte

Wahrscheinlich weil sie so schnell gebaut werden können, so schnell wie ein Becherkuchen gebacken. Ein Becher von da, ein Becher von dort, und fertig ist das Ding. Zeit ist nämlich Geld.
Ob in diesen alpin eleganten Becherhütten die Wirtin mit Stöckelschuhen dem Wanderer die Türe öffnet? Ein Glas Prosecco in der Hand?

Mit hohen Schuhen öffnen, das tun die Damen der Häuser unter Flachdächern im Tal, zumindest in den Filmen. Klopft beispielsweise ein Tatort Kommissar an die Tür, wird diese geöffnet, tadellos geschminkt, mit aparten Ohrsteckern, korrekter Frisur und  einer Contenance, auch wenn gerade eine Leiche das Wohnzimmer verschandeln sollte, und die Stöckel der Schuhe in den Echtholzboden hacken. Da kann passieren was will in diesen Häusern, alles immer perfekt elegant und geordnet.
flachdach

Flachdachhäuser assoziieren Ordentlichkeit. Abgestimmt und todschick meist das Interieur wie  in den Hochglanzseiten eines Home Magazins. Die Kissen immer ordentlich geschlichtet, Teppichvorleger die perfekt auf die Gästehandtücher abgestimmt sind. Und die Küchen erst, ausgestattet mit Geräten aus Edelstahl, geordnet und so sauber als würd niemals gekocht werden, dort wo eigentlich kulinarisch alle Stücke gespielt werden könnten.

Manchmal wenn ich beim fernsehen in das Innere eines solch schicken geraden Hauses eindringen kann, würd ich gern schämend meiner nicht farblich auf den Vorhang abgestimmten Teelichthalter, und den in der Küche herumliegenden muffigen Wetextüchern, am liebsten gleich ins nächste Möbelhaus fahren. Nur dumm, dass diese an den Tagen der Sonntagsfilme nicht geöffnet haben.

Trotz der Teelichtfarbe und des Ordnungsneids kann ich mich für Flachdächer nicht so wirklich erwärmen, denn am wohligsten warm ist es doch unter Winkeln.
winkel

 

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Updates

Als Kind der Siebziger wuchs ich mit Updates auf, welche revolutionär, aber vor allem greifbar waren. Zum Beispiel das Telefon Verlängerungskabel. Nach und nach hielt es Einzug in die Wohnungen und Häuser. Die Pioniere, die es als Erster erstehen, und ihr eigen nennen durften, wurden sehr beneidet. Glücklicherweise war es gar  nicht so schwer die Eltern zur Anschaffung zu überreden, denn es kostete nicht viel, und als es schließlich soweit war, wurde dem Mann von der Telefongesellschaft ehrfürchtig die Tür geöffnet, der das ersehnte Stück mitbrachte und montierte. Wir hatten ja nicht viel gehabt. Keine Bitcoins, keine Flatrates, nicht mal ein Burnout. Aber wir hatten das Telefonverlängerungskabel! Endlich war es möglich gemütlich am Wohnzimmersofa mit der Sabine zu telefonieren, um sich endlos darüber zu unterhalten mit wem der Willi aus der 4b geht oder auch nicht, ohne dass man sich dabei im Vorzimmer die Füße in den Bauch stehen musste. Dass sich währenddessen die anderen Viertel Telefonteilnehmer* grün und blau geärgert hatten, weil sie keine freie Leitung bekamen, war einem  ziemlich egal. Denn der Willi war schließlich der feschste und frechste Bursch in der Klasse.

Aus dem schweren, schwarzen Telefon wurde ein elegantes weinrotes. Tasten lösen die Wählscheibe ab. Nena ließ 99 Luftballons steigen. Apple führt den Macintosh ein. Und ein paar Jahre später bestätigte der Anrufbeantworter, dass der Biologiestudent vom Vorabend nicht angerufen hat.

Ein paar Jahre und Telefonate später.

Mein Smartphone spricht mit mir. Es stellt mir Fragen und hat die Eigenschaft hartnäckig zu sein. Es fragt zum Beispiel ob es Updates machen soll. Ich folge brav und klicke jedes mal „ja“, denn ich weiß, dass es mich am nächsten Tag wieder fragen wird. Und am nächsten, und am übernächsten. Also dann  lieber gleich auf ja, als tagelang das Generve. Wie mit kleinen Kindern. Ok, damit Ruh ist. Ich habe später keine Ahnung was eigentlich upgedatet wurde, denn alles ist entweder beim alten, oder das Hörersymbol ist einfach nur an einem anderen Platz. In Wirklichkeit weiß es nur mein Smartphone. Da wurden sicher Sachen upgedatet und dazugedatet die ungeahnte Möglichkeiten bieten würden. Vielleicht könnt ich sogar ein Schnitzel damit braten, nur weiß ich es nicht.

Mit der Technik ist es so wie mit der Mode. Da kommt alles immer wieder. Und ehe wir uns versehen ist vielleicht ein Smartphone mit Wählscheibe das neue Must-have.
Und dann haben die Siebziger Grufties die Nase vorn.

*Viertel Telefon: Vier sich unbekannte Teilnehmer teilten eine Leitung. Es konnte immer nur einer telefonieren.

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Wer nicht entscheidet hat auch entschieden

In einem dieser „Wie bin ich?“ Psychologiefragebögen in der Sonntagszeitung stieß ich auf die Frage „Wie gerne treffen sie Entscheidungen?“

Mit fiel auf der Stelle Marc Zuckerberg ein. Zuckerberg trägt täglich das selbe T-Shirt. Auf die Frage eines Interviewers begründete er diese Eigenheit. Er müsse täglich so viele Entscheidungen treffen, so dass er sich frühmorgens die Frage „was ziehe ich heute an?“ gerne ersparen möchte.

Ja genau, das Leben stellt uns gemeinerweise ständig vor so viele Entscheidungen welche wir treffen müssen, ob wir gerne wollen oder nicht. Ob stante pede Entscheidungen, „Sonnenlotion mit 10er oder 20er Faktor?“, „Bunt oder Schwarzwäsche in die Maschine?“, „Welches Eis ins Stanitzel?“, oder die bedeutungsvolleren, „Wohin auf Urlaub fahren?“,“Was möchte ich mal werden?“ und so weiter.

In Phasen von Unschlüssigkeit wird Verantwortung gerne auch mal an andere weitergegeben. „das schwarze oder das weisse?“, „das schwarze!“. Um später zu hadern, Mist, das weiße wäre mir lieber gewesen.

Als junges Mädchen wollte ich mal Entwicklungshelferin werden. Rückblickend weiß ich nicht ob es die soziale Ader war die in mir schlummerte, die verklärte Suche nach Abenteuerromantik in fernen Ländern oder die mädchenromantische Vorstellung vom feschen Arzt im  Safari Lodge Hospital, ich weiss es nicht. Ich machte den Fehler und fragte meine Oma was sie davon halte. Die bekam einen hochroten Kopf vor Zorn, und während sie mit ihren kurzen O Beinen und der umgebundenen Küchenschürze aus der Küche hinauswackelte,  mit Schwung das schwere Lavore voll schmutzigen Geschirrspülwasser in den Garten kippte, mumelte sie „na das fehlt noch, kommst mit einem Bangert heim!“. Ich wusste damals zwar nicht was sie genau damit meinte, aber der Wunsch Entwicklungshelferin zu werden, entleerte sich in diesem Moment gemeinsam mit dem Spülwasser, RATSCH, in das braune, von viel schmutzigem Wasser, überschüttete Unkrautbeet.

Im nachhinein betrachtet, hatte meine Oma sicher recht. Nicht wegen dem Bangert, aber ich glaube es wäre doch nicht das richtige für mich gewesen.

Verzwickt wird es auf jeden Fall, wenn gleich mehrere Menschen zwecks Entscheidungshilfe kontaktiert werden. Dem folgt meist der Blick auf den Mischwald der erhaltenen Ratschläge, um etwas verzweifelt zur Erkenntnis zu gelangen“Warum habe ich nur gefragt?“

Es gibt jedenfalls zwei Sprichwörter welche ich mag:

-Frage so lange nach verschiedenen Meinungen, bis du die hörst, welchedir am meisten zusagt.

-Wer viel fragt geht viel irr.

Ich kann mich nur nicht entscheiden welcher mir besser gefällt.

 

 

 

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So ist das Läben..

Neulich erst am frühen Nachmittag Espresso doppio getrunken. Halb so teuer aber doppelt so gut wie zuhause. Flirrende Hitze, ein kleines Cafe mit Aussicht auf die wunderbare mittelalterliche Kirche. Ausruhen von den vielen Stufen die man zuvor hinaufgestiegen ist, auf einen Turm oben am Hügel. Einfach nur dasitzen, chillen sagt die Jugend. Ohne Blick in eine Zeitung, ohne Internet mit all den grausamen Bildern und Nachrichten aus der Welt. Außer uns haben sich nicht viele Touristen hierher verirrt. Trotzdem, dass es hier so viel Schönes zu sehen gibt. In einem der Bauten war sogar mal Napoleon zu Gast. Das haben wir nachgelesen. Ein bisschen Internet darf sein. Aber ausschließlich für solche Zwecke. Ziemlich verschlafen hier. Eine Katze liegt faul in der Sonne. Ein kleines Mädchen mit Kleidchen tänzelt mit wackeligen Schritten  zu der Barmusik welche leise aus dem Cafe kommt. Ein Touristenpaar, der Mann mit Bosalino Strohhut, die Frau im Blümchenkleid, als wären sie aus dem Film Good Woman – ein Sommer in Amalfi entsprungen. Ach ja und eine Pfadfindergruppe war auch dort. So nett haben sie ausgesehen, die jungen Menschen mit ihren Uniformen.

Die Leichtigkeit des Sommers dort eingefangen. Und als Erinnerung mit nach Hause genommen.

Zuhause dann den Fernseher angemacht.
Und sie sind wieder da. All die hässlichen Nachrichten. Eine davon aus einem Gebiet wo man noch vor kurzem so viel Schönes gesehen hat, hunderte Jahre alt und mit einem Zauber umgeben als würde es ewig währen. Doch plötzlich, mitten in der Nacht, kam die Zerstörung in diesen Teil der Welt. Einige dieser wunderschönen mittelalterlich historischen Städtchen Italiens gibt es nicht mehr. Und so viele Menschen und auch Kinder unter den Trümmern begraben.

Unsere mazedonische Büroreinigungsdame, selbst schon von vielen Schicksalsschlägen gebeutelt, murmelt nur mehr schulterzuckend und seufzend“ja so ist das Läben..“

Man muss sehr aufpassen nicht abzustumpfen, bei all dem Elend das passiert und  uns täglich ins Haus geliefert wird.

 

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Ciao

Etwas weiter oben am Berg ist die Luft schon kühler. Auch deshalb weil der August ja schon ins Land gezogen ist. Manche sagen schon dieses eine bestimmte Wort. Das möchte ich aber nicht hören. Jetzt noch nicht. Es ist schon spät abends, unten funkeln die Lichter des Städtchens, gelb und weiss, wie achtlos hingeworfene Diamanten auf schwarzem Samt. Wie schön dieser Ausblick. Edelfeder Silvia Kling hätte ein wunderschönes Gedicht darüber gezaubert. Karl, von karlswortbilder einen Satz dazugeschrieben der unter die Haut ginge. Erich, von Mannigfaltiges, ein passendes Gedicht dazu aus der Lade gezogen. Ich würde gern ein Foto davon machen, aber ich bin gänzlich unbegabt in der Fotografie. Bei mir sind die meisten Fotos unscharf oder die Menschen darauf haben die Augen geschlossen. Irgendetwas passt immer nicht so gut. Ich werde es nie lernen. Ich glaube das liegt an Begabung. Man hat’s oder man hat’s nicht. Welch schöne Fotos hätte der Alois Absenger oder der Hobknips davon gemacht! Fotos die in Zeitschriften oder in schöne Bücher gehören. So dass alle Welt sie sehen kann.
Weiter unten am Berg hat eine Gruppe ihren Spaß. Man hört dezent die Geräusche einer lustigen Partynacht bis hinauf. Selber hat man es eher so mit lesen, spielen oder einfach nur ein wenig sinnieren. Über das letzte Jahr. Da war man auch hier. Nachdenken darüber was sich seitdem so getan hat. Die guten und nicht so guten Ereignisse. Vielleicht wärs ja besser auch mal Party zu machen. Es so richtig sausen lassen. Campari oder Vino Bianco trinken, bis zu umfallen. Mal nicht so erwachsen sein. Wie die Italiener. Wenn die mal nicht erwachsen sein wollen, dann hilft eine Portion Spagetti bei der Mamma und die Welt ist wieder in Ordnung. Die haben ja eine Küche, zum niederknien. Kein Wunder dass es den Ausspruch „Dolce Vita“ nur auf italienisch gibt. Ja, gut leben das können sie. Nur Auto fahren, das tun sie wie die Verrückten. Oder sie sind einfach alle nur Legastheniker. Links blinken und rechts rüberfahren. Wenn man es weiss, ist es kein Problem mehr. Man muss sich halt auf andere Sitten in anderen Ländern einstellen können. Rote Ampel? Welche rote Ampel? Und die Galanterie. Die ist hier noch nicht ausgestorben. Ein kleines Souvenier in einem kleinen Laden gekauft. Ciao Bella, hat der alte Charmeur beim rausgehen nachgerufen. Der circa achtzigjährige Ladenbesitzer ruft das sicher jeder Kundin nach, trotzdem geht’s ein wenig die Seele runter wie Olivenöl.
Ich glaube heute abend gönne ich mir einen Campari. Füße hochlegen und ankommen.

Angekommen ist auch (wenn auch auf andere Art) Belana Hermine -in Santiago de Compostela! Gratulation!

Ich wünsche allen lieben Blogfreunden (leider konnte ich nicht alle erwähnen) noch einen schönen August!

blume
eines der ununschärfsten

 

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Die Geschichten der Alten Teil 4

Wenn die Ereignisse auf dieser Welt sich überschlagen, hilft es manchmal sich in die Öffis zu setzen um dem sommersonnigen Gemüt eine kleine Auffrischungsimpfung zu verpassen.
Man könnte zum Beispiel in der Straßenbahn hinter zwei älteren gut situierten Damen, bürgerliche Mittelschicht, sitzen und ein Gespräch belauschen.

Eine der Damen trug ein lodengrünes Kleid, die andere ein geblümtes im Stil der Vierziger, vielleicht sogar noch aus dieser Zeit, jedenfalls in der Art wie sie derzeit schon wieder modern geworden ist. Die Haare von beiden frisch onduliert. Bei Lodengrün saß die Haarspange hinten etwas locker, aber so, dass es in dem eleganten hellgrauen Haar fast schon ein wenig verrucht aussah. In den Gesichtern keine Müdigkeit. Das lodengrüne Kleid hatte den Urenkel auf der Schoß, welcher brav in einem Bilderbuch blätterte, während die Beiden sich unterhielten.

Lodengrün: Gestern war der Hansi* wieder bei mir.
Geblümt erstaunt: Deeer Hansi?
Lodengrün: Ja der. Mich besucht er ja noch hie und da. Ich bin die einzige zu der er kommen kann. Er ist immer noch das schwarze Schaf in der Familie. Die andere Verwandtschaft sieht er nur mehr bei Begräbnissen. Leider. Aber zu denen kommt der Hansi immer. Auch neulich, als die Tante Josi begraben wurde. Da kann man wirklich nichts sagen! Und immer im Anzug. Fesch hat er ausgschaut letztes mal.
Geblümt: Hat er immer noch..?
Lodengrün: Ja ja, ein paar Damen hat er noch die für ihn laufen. Aber nicht mehr so viele wie früher. Seit die Tschutschn* da auch im Geschäft sind, da läufts halt nicht mehr so gut wie früher. Und überhaupt, seit seine Frau gestorben ist… kurze Pause… die hat ihm ja das Geschäft zusammengehalten und die Damen kontrolliert. Das war eine Gescheite. Ein Jammer..
Geblümt seufzte solidarisch.
Lodengrün: Neulich, da war der Hansi bei mir und hat gesagt, Tante Erna, ich brauch deine Hilfe. Er wollte, dass ich in meinem Namen ein Schließfach bei der Bank eröffne. Damit die Finanz und seine Weiber keinen Zugriff haben.

Ich lege mein Gratisblatt endgültig zur Seite.

Lodengrün: Also bin ich mit ihm zur Bank und hab das so gemacht. Meine Tochter hat mir eine Szene gemacht deshalb, ich sags dir.
Das Urenkel schlug eine Buchseite mit kleiner Ente auf, und plapperte „Entlein“.
Lodengrün: Ja das ist ein Entlein. Das kann man braten oder grillen.
Die Nachkriegszeit noch immer im Blut…
Urenkel blätterte unbeeindruckt weiter.
Das Thema nahm eine kulinarische Wendung.
Lodengrün zu Geblümt: Was kochst denn heute?
Geblümt: Rindsuppe. Muss mich eh schon beeilen. Weißt noch, der Hermann verbietet mir ja Suppenwürfel zu verwenden. Aber ich hab immer einen in der Schürzentasche versteckt.

Ich musste aussteigen. Gedanklich hauchte ich den beiden Damen einen Kussmund zu.

Glossar:
Öffis – Öffentliche Verkehrsmittel
Tschuschen (eigentlich so ausgesprochen) – frühere umgangssprachliche Bezeichnung für Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien
* Name von der Redaktion geändert

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Immer Sommer?

Wir sammelten abgefallene am Boden liegende Rosenblätter und legten sie in ein kleines Körbchen, um sie nach der für uns Kinder endlos lang scheinenden Predigt draußen auf der Straße wieder auszustreuen. Als der Herr Pfarrer mit seinen Schäfchen nach dem Pfingstgottesdienst hinaus aus der Kirche, und um die Häuser ging. Wir trugen erstmals Kniestrümpfe statt Strumpfhosen und freuten uns wie  Schneeköniginnen darauf, barfuß durch die Wiese zu laufen. Das darf man in den Monaten ohne r, hörte man die alten Leute sagen, und was die sagten das war Gesetz. Da konnte kommen was wollte, Schneeregen oder die Eisheiligen. Ohne r ist ohne r. Die Vorfreude auf die Sommerferien. Die Vorfreude auf den Urlaub. Der Mai und der Juni. Die beiden Monate wie ein Balkon mit Blick auf den Sommer. Das Stadtgartenamt arbeitet auf Hochtouren und unsichtbare Heinzelmännchen setzen zum niederknien schöne Blumen in das Stadtbild. Die Geräusche von Rasenmäher und Stadtgartensprinkleranlagen mischen sich unter den Straßenlärm. Die Schwalben schwirren pfeifend um die Dächer und läuten den Sommer ein. Geräusche und Gerüche voller Leichtigkeit.
Die Monate ohne r sind wieder da. Zum mehr schon als zum fünfzigsten Male. Nur nach nasskalten Wintertagen kann man sich so darüber freuen wie damals in Kindheitstagen.

Und doch, wenn die flirrende Hitze ihren Höhepunkt erreicht haben wird, die im Urlaub bei vierzig Gad mitten im Menschengewühl auf dem Mercato gekaufte Lederjacke endlich auch getragen werden soll, und sich dann der Geruch des Leders mit den Gerüchen des Herbstes vermischen wird, wird auch dieser willkommen sein.Für kurze Zeit zumindest. Aber dann darf man sich ja wieder auf den nächsten Sommer freuen. Nach all den nasskalten Wintertagen.

Immer Sommer? Wie auf einer der sonnigen Auswandererinseln. Das wär nichts für mich.

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Vatertag

„Ich bin es, dein Vater“
In jener Zeit, als es schon sehr schlecht aussah, nahm ich deine Anrufe immer entgegen, verließ Besprechungsräume oder blieb mit dem Auto am Parkstreifen stehen wenn ich deine Nummer am Display sah. Die wirklich wichtigen Dinge sieht man erst in schlechten Zeiten mit klarem Blick. Ich sagte auch mal eine Geschäftsreise ab, lud zu Kaffee und Himbeerkuchen. Die Bilder jenes nachmittags, während einer guten Krankheitsphase, so einfach, so unaufregend, auf der Veranda in frühsommerlicher Wärme,  haben bis heute einen goldenen Bilderrahmen in meinem Kopf.

 

Wir hatten den Vatertag nie gefeiert. Kommerzieller Blödsinn war das für uns. Und außerdem, wenn du gerufen hast sind wir sowieso alle gekommen.

Im Spital standen wir mit zugeschnürter Kehle vor den Ärzten, aus Angst sie würden uns die Wahrheit darüber sagen wie es steht. Lieber nicht nachfragen, die Hoffnung am Leben halten.
Fast ein halbes Jahr ist es nun her, dass du gegangen bist. Alles ist anders, nur die Welt ist gleich geblieben. Immer noch unruhige Zeiten. Eine unruhige Wahl haben wir hinter uns, unruhige Bürger, unruhige Politiker. Über vieles hättest du dich aufgeregt. Vieles hättest du mit früher verglichen. Mit einer Zeit, als jeder noch Arbeit hatte, die Politiker ehrlicher waren, die Mädchen Petticoats trugen, und du als Flüchtling über die Grenze kamst, um am übernächsten Tag schon zu arbeiten. Als der Westen noch golden war.

 

Wie oft bist du in die Kirche gegangen, und hast für uns eine Kerze angezündet. Vor den Maturaprüfungen deiner Enkel, oder um den Herrgott um einen gnädigen Fahrschulprüfer zu bitten.

Deine Handynummer habe ich bis heute nicht gelöscht. Das Endgültige daran kann ich noch immer nicht ertragen. Noch fehlt mir der Mut mir Fotos anzusehen, denn sie würden die Gewissheit verstärken, dass es nie mehr so sein wird wie davor.
Eine liebe Freundin hat mir geschrieben „irgendwann wird der Schmerz erträglich, und du wirst lächeln können bei  den Erinnerungen.“
Ich werde auch einmal eine Kerze anzünden und dafür bitten. Vielleicht noch heute, am Vatertag.

 

hiányzol nekünk

 

 

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