Miss Sporty und die Sportlustlosen – Teil 2

Eine Woche später.
Von der Garderobe in den Turnsaal. Der Schockmoment.
Die Seile und Ringe waren bereits heruntergekurbelt, der Sprungbock stand schon wartend in der Mitte, die furchteinflößenden Medizinbälle lagen aufgereiht neben der Sprossenwand , die blauen Matten lagen unter den Seilen, Ringen und hinter dem Bock. Man sah es ihr nicht an, aber ich hatte den Eindruck Miss Sporty lächelte hinterlistig, und genau deshalb traute sich an diesem Tag und auch an den Folgenden niemand mehr beim Rapport als Ausrede *M“ zu rufen.

In den Siebziger/Achtzigern war man noch weit von der Diskussion um die tägliche Turnstunde entfernt.
Wien war gemächlich. Der TV Liebling der Erwachsenen war ein sehr beleibter Hotel Sacher Portier, der bei der Schlüsselausgabe ins Schnaufen geriet, bei der jüngeren Generation der faule Willi aus der Serie Biene Maja. Fußballspielen im Park oder im Hof war verboten, Beckensprünge vom Bademeister untersagt, Autos blieben einmal pro Woche wegen der Ölkrise vor dem Haus stehen, und die Regierung bestand aus einer      (e i n e r ) Partei.

Manches ist geblieben (Beckensprung- und Fußballspielverbot). Aber vieles hat sich verändert.
Die Regierung besteht aus mehreren Parteien und es gibt ein Sportministerium.
Die tägliche Turnstunde ist Thema, Sportvereine werden gefördert und stellen ihren Sport an den Schulen vor. Nicht nur die Sportstars, auch Schülerligen bekommen Platz im Fernsehprogramm (kurz aber doch). In einen Sportverein oder ein Fitnesscenter zu gehen ist hip, man geht nicht ins Training sondern ins „work out“. Kapuzensweater heißen „Hoodies“ und Turnschuhe „Sneakers“.
Statt fader Turnbeutel schultert man schicke „Sackpacks“, welche deshalb auch nicht mehr in der Straßenbahn zurückbleiben können.

Zurückgeblieben ist meine Erinnerung an damals, und die Erkenntnis, dass Miss Sporty es gut gemeint hat.

Denn mit ein paar Sporturkunden im Schrank könnte man nicht nur angeben, sondern sich später auch mehr Respekt verschaffen.
Denn wer einige Jahre später vor den eigenen Kindern nicht als Looser dastehen möchte („die Mama muss sich abstützen!“), da man es nicht schafft geraden Rückens  im Kreuzsitz das Gleichgewicht zu halten, sondern sich mit den Händen am Boden abstützen muss,  sollte früh beginnen, im Turnunterricht nicht lahmarschig zu sein, und am besten auch noch einem Sportverein beitreten.

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Über andrea

Geschichten aus dem Alltag
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7 Antworten zu Miss Sporty und die Sportlustlosen – Teil 2

  1. manchmal_Lyrik Wolfgang Weiland schreibt:

    man macht sich schonmal peinlich vor den kindern…

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  2. Michael Meiser schreibt:

    Die meisten mir persönlich bekannten aktiven Sportfreaks in meiner Altersgruppe (Jahrgang 1966) haben stark verschlissene Gelenke und untertrainierte Gehirne. Man sollte Kinder und Jugendliche auch zu mehr Vielfalt und Ausgewogenheit in der Freizeitgestaltung erziehen…

    Gefällt 1 Person

  3. Tanja im Norden schreibt:

    Da denke ich spontan an die vielen kaputten Skifahrerknie im Bekanntenkreis. Ich fand und finde zum Glück zwar Sport immer blöd, Bewegung an sich aber gut. So kommt man dann doch ganz gut durch.

    Gefällt 2 Personen

    • andrea schreibt:

      Ja, wie in vielen anderen Dingen sind Übertreibungen nicht so gut. Konnte selbst mit Sport auch nie viel anfangen..(siehe Teil 1 🙂 Freue mich aber jetzt wenn ich sehe, dass junge Menschen sich alternativ zu Fernsehen und Computer auch sportlich betätigen und es dafür auch viele Angebote gibt.

      Gefällt 1 Person

  4. allergomio schreibt:

    Genauso toll wie Teil 1. Danke für den guten Beitrag! LG Meli

    Gefällt 2 Personen

  5. trina59 schreibt:

    Ich musste schon sehr schmunzeln, bei deiner Beschreibung des Turnunterrichts, all dieser grässlichen Geräte und den Versuchen, durch „M“ ein Päuschen zu bekommen. Das hat mich alles sehr an meine eigenen Sportstunden erinnert. Später bekamen wir eine junge, moderne Sportlehrerin, die uns in den Jazzdance einführte, das war das erste Mal, dass der Sportunterricht von allen Schülerinnen geliebt wurde.
    Danke für die beiden tollen Artikel.

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