Von Autos, Winterzauber und Lottogewinn

„Nur wer sein Brot selbst verdient, kann es auch schneiden“, mit diesem Spruch bin ich groß geworden und ich erinnere mich gut daran, als ich das erste Mal in meiner eigenen Behausung ein Messer zur Hand nahm und mir eine Scheibe Brot, gekauft vom erst verdienten Geld, abschnitt. Ich bildete mir ein, dass die Scheibe schöner, glatter und besser geschnitten war als sonst je davor.
Ob es ein allgemein üblicher und bekannter Spruch war, weiß ich nicht. Google findet ihn jedenfalls nicht, und ich glaube, wenn überhaupt, dass dieser Spruch in einer Zeit entstanden ist, als es noch keine Brotschneidemaschinen gab.

Den Spruch „wer nicht Eis von der Windschutzscheibe des Autos kratzt, hat nicht verdient damit zu fahren“, findet man auch nicht auf Google, denn er stammt von mir.
Mein Slogan der vergangenen Jahre, als die Kinder noch klein waren und ich sie auf das Leben vorbereiten wollte. Während der Rest der Familie Woche um Woche große Wünsche hatte und vom Lotto Sechser träumte, sich die tollsten und schicksten Dinge ausmalte, hoffte ich im Stillen diesen nicht zu gewinnen. Zweimal verrückt. Als hätte wir überhaupt eine Chance darauf gehabt, die steht nämlich so circa eins zu hundert Millionen, und überhaupt, wer bitte wünscht sich schon keinen (k e i n e n) Geldgewinn zu machen?
Niemals hatte ich dies laut ausgesprochen, nur mal hie und da gemurmelt was machen wir denn mit so viel Geld, um sofort verständnislose Blicke zu ernten. Das Gute an diesen Situationen war, dass die Kinder sofort vereint waren. Nämlich in ihrer Meinungsgemeinschaft gegen mich. Wie auch immer, ich wollte es wirklich nicht. Ich wollte keinen riesen Geldgewinn. In meiner Vorstellung nämlich, da waren all die vom Lottogewinn angeschafften dicken und angeberischen Karossen meiner Familie in der großen Garage geparkt, im Vorgarten einer riesigen Villa in einem Schicki Viertel der großen Stadt. Ich sah meine Kinder an einem Wintermorgen bei Schneefall das Haus verlassen, den protzigen Autoschlüssel in der Hand, ins warme von der Garage aufgetaute Auto steigen, ohne dass sie einen Finger dafür krumm machen oder einen Eiskratzer in die Hand nehmen mussten.

Ich wünschte mir etwas anderes für sie.

Das Gefühl in ein altes  gebrauchtes Auto zu steigen, dass einem selbst gehört. Mit eigener Arbeit verdient oder mühsam abbezahlt. Es vom Schnee befreien, Eis abkratzen, die Erleichterung sich aus dem Schneeparkplatz herausgeschaukelt zu haben um dann unter Wintersonnenglanz gemütlich davonzubrausen.

Mittlerweile haben die Kinder ihr selbst verdientes Auto und als ich am 30. November diesen Jahres erstmals in diesem Winter ohne Handschuhe vor meinem Auto stand, den Eiskratzer wie immer nicht sofort fand, vorne an der Scheibe kratzte während es hinten wieder anlief, (ja wäre besser gewesen vorher den Motor zu starten), mir klar wurde, dass ich zu spät in die Arbeit kommen werde und dass meine Augen von dem voll aufgedrehten Windschutzscheiben Gebläse sicher wieder eine Entzündung bekommen werden, da beschloss ich noch am selben Tag bei der Trafik vorbeizufahren um einen Lottoschein zu kaufen.

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Über andrea

Geschichten aus dem Alltag
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8 Antworten zu Von Autos, Winterzauber und Lottogewinn

  1. Anna-Lena schreibt:

    Wieso finde ich mich da so wieder :mrgreen: !?

    Aber ich spiele bis heute kein Lotto, der Gatte vergeblich und wir sind auch so glücklich, auch mit Eiskratzen und mal zu-spät-kommen…

    Eine schöne Adventszeit für dich,
    Anna-Lena

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  2. wholelottarosie schreibt:

    „Nur wer sein Brot selbst verdient, kann es auch schneiden“…mit diesem Spruch im Kopf und einem unbeschreiblichen Glückgefühl schloß ich in meiner ersten eigenen, kleinen Wohnung, deren Miete ich natürlich selbst bezahlte, hinter mir die Tür.
    Ich fand es großartig, mein Leben selbst in die Hand nehmen und unabhängig sein zu können.
    Einen Lottogewinn hätte ich aber dennoch nicht verschmäht….smile*

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  3. mimeiso schreibt:

    Ich hatte früher auch schon mal Lotto gespielt und irgendwann gemerkt, dass ich ohne Lotto spielen mehr Gewinn mache. Denn eigentlich ist doch Lotto spielen ein Verlustgeschäft.

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  4. BallesWorld schreibt:

    Ich habe das Eingangszitat noch nie gehört, finde es aber großartig. Wie die ganze Geschichte, die mir aus der Seele spricht.
    Vielen Dank dafür.

    Liebe Grüße Balle

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