Sonntags

In der vagen Erinnerung saß die uralte Großtante frühmorgens bis spätabends im Wohnzimmer im schweren Fauteuile, eine dicke grüne Decke auf der Schoß, auf dieser ihre müden gichtigen Hände ruhten, und döste in der Gnade des Vergessens die meiste Zeit vor sich hin, bis sie abends wieder nach oben in ihr Zimmer zu Bett gebracht wurde. Im wachen Zustand, meist wenn nachmittags der Fernseher eingeschalten wurde, oder Zeit zum Essen war, sorgte sie oft für Erheiterung mit Sätzen wie Pfui Teifl schmeckt des guat.
Dann wurde gelacht, über die schrullige lustige Tante, die wiederum an anderen Tagen scheinbar von düsteren Gedanken geplagt, gebetsmühlenartig „Eines Tages wachen wir Sonntags auf, und die Russen sind da“,  vor sich hin murmelte.

Mit diesem Satz wuchsen österreichische  Kinder in den Siebzigern auf.

Als hätten sich damals die Alten auf rätselhafte Weise abgesprochen,  war diese Prophezeiung von Wien bis Vorarlberg, beim Friseur, beim Heurigen , im Wirtshaus, am verrauchten Stammtisch, überall im Land, und das in damaligen Zeiten ganz ohne Facebook Vernetzung, zu hören. Es wurde gemurmelt und gemurmelt „Eines Tages werd ma aufwachen am Sonntag in der früh. Und da Russ is da“. Danach wurde zustimmend genickt, wissend geseufzt, schließlich das Krügerl in die Hand genommen. Prost. Das Leben geht weiter, muss es ja. Bis dahin auf jeden Fall.

Interessanterweise kam einhellig der Russe immer Sonntags, und immer morgens.

Für uns Kinder verwirrend. Schließlich hatten wir in der Schule vom Staatsvertrag gelernt, von der immerwährenden Neutralität und das der Krieg schon lange vorbei war. Wieso sollten da die Russen kommen? So ein Unsinn. Unvorstellbar.
Im Fernsehen lieferten sich Tom & Jerry endlich auch in Farbe quietschende Jagden, ABBA setzte neue Modeakzente, Falco besang den Kommissar, Österreich trat der EU bei, ein neues Jahrtausend flitzte vorüber. An den Stammtischen wurde es ruhiger, zumindest was das Eintreffen der Russen am Sonntag betraf, und plötzlich – wie ein Wimpernschlag – wurde vor nicht allzu langer Zeit siebzig Jahre Frieden in Europa gefeiert.

Der berühmte Sonntag Satz fiel mir wieder ein als ich vor kurzem in den Nachrichten über das Manöver in Russland las, welches man – so manche Medien – wie ernsthafte Vorbereitungen auf einen großen Krieg betrachten könnte.

In Gedanken reise ich zurück zu den damaligen Stammtischen, trete ein und höre den Gesprächen zu. Die Köpfe drehen sich zu mir. Verwundert werde ich gefragt was ich da in meiner Hand halte. Ich sage, das ist ein Telefon, es ist so klein dass es in die Hosentasche passt, es hat keine Wählscheibe, aber es schaltet sich mit Gesichtserkennung ein. Ich kann mit ihm sprechen, es gibt mir Antwort.
„Unsinn. Unvorstellbar“, sagen die Alten am Stammtisch und schütteln den Kopf.

Manchmal möchte man die Welt anhalten, damit all der Unsinn mal Pause macht.

 

 

 

Über andrea

Geschichten aus dem Alltag
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4 Antworten zu Sonntags

  1. karlswortbilder schreibt:

    ist ja auch geschichtlich verständlich, dass wir Sorge hatten 😉
    lg
    karl

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  2. juergen61 schreibt:

    Das mit dem Russen kenne ich auch aus meiner Familie…dabei war es geschichtlich genau umgekehrt…immer früh und immer regelmässig …kam der Deutsche (1WK,2WK)…könnte der Russe mit Fug und Recht behaupten…und das mit dem Sonntag..den Satz gab es während meiner kurzen zwangsweise Militärzeit auch…eher als Witz gemeint denn am Freitag Abend fuhren fast alle Soldaten nach Hause und Deutschland war bis Montag morgen 7.00 nur bedingt verteidigungsbereit 🙂 . Fakt ist also das Russland noch nie einen grossen Krieg begonnen hat…warum sollte es das jetzt tun ? Und ob das Anhalten der Welt gegen Unsinn und Blödheit mancher Menschen helfen würde ? Bleibt dann der Unsinn nicht auch stehen statt wieder zu verschwinden ? Oder verschwindet er erst wenn auch der letzte Mensch verschwunden ist…fragt sich leicht amüsiert…Lg von Jürgen

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    • andrea schreibt:

      Lieber Jürgen, vom Manöver Russlands zu den „Sonntag Sätzen“ von früher, war es auch nur eine Gedankenkette! : )
      Aber du hast recht, das Anhalten der Welt wäre auch nur ein Innehalten, und dann würde der Unsinn wieder weitergehen : )

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