Wenn Erinnerungen baden gehen

im Garten einer jungen Familie wird ein Pool gebaut. Ein Schwimmbad, wie es eigentlich heißt. Damit der Bagger aufs Grundstück fahren kann, müssen Schaukel, Rutsche und Dreimeterpiratenturm seitlich an die Hausmauer gekarrt werden. Die Mama des Hauses überwacht die Arbeiten, hat Kleinkind am Arm und ein wenig Stolz in den Augen.

In zuckerwattefarbenen Erinnerungen sehe ich mich Hand ihn Hand mit der Mutter ins Schwimmbad gehen. Gehen wir ins Bad. Der Satz toppte an Ferientagen voller sommerlicher Leichtigkeit, das schwarzweiße Nachmittagsprogramm im Fernsehen. Ich sehe meine Kinderfüße in den blauen  Plastiksandalen und den Weg zum Schwimmbad noch ganz genau vor mir. Vorbei am Spielplatz, der Bäckerei, der Tauschbörse mit den gebrauchten Waren, der Kirche mit dem schwarzen schmiedeeisernen Zaun, und dann endlich die Linkskurve, von da an es bergauf ging und bald zu sehen war, ob die gefürchtete blaue Flagge vor dem Freibad gehisst war. An sehr heißen Sommertagen konnte das schon mal vorkommen. Die  Kästchen mit dem modrigen Holzgeruch, nie bekam man eines an der Seite, sondern immer  unbequem mittendrin. In der Umkleide schon der Geruch von Chlor und die gedämpften Freibadgeräusche von draußen. Lachen und schrille Kinderschreie, das Wasserplatschen wenn ein Frecher den Sprung vom Beckenrand wagte. Das schrille Geräusch der Trillerpfeife vom braungebrannten Bademeister. Das Suchen nach einem freien Platz auf der Wiese. Die harten Holzpritschen, so begehrt, und nie frei. Eis am Stiel essen, in der Wiese in den Kleeblättern kramen und nach dem kleinen Glück suchen.
Auf der karierten Wolldecke liegen, der Blick hinauf auf den Sommerhimmel, auf die grünen Wipfel der Birken in denen der Sommerwind die Äste sanft bewegt, das Pfeifen der Schwalben und  das süße Gefühl von Kindheit.

Einige Jahre später traf man sich dort nachmittags mit Freundinnen, brauste in der Straßenbahn mit Walkmen und It Never Rains in Southern California gedanklich Richtung Malibu Beach, um dem Mief des Klassenzimmers zu entfliehen. Dass die Endstation dann Ottakringer Bad hieß, tat nichts zur Sache, Hauptsache es konnte auf der Liegewiese der Willi und seine Clique unauffällig durch die Spiegelbrille beobachtet, und heimlich die ersten Zigaretten geraucht werden.
Auf der ausrollbaren Strohmatte liegen, der Blick hinauf auf den Sommerhimmel, auf die grünen Wipfel der Birken in denen der Sommerwind die Äste sanft bewegt, das Pfeifen der Schwalben und der süße Wunsch erwachsen zu sein.

Manche Erinnerungen gehen baden, manche bleiben auch wenn sie noch so einfach sind.

 

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Über andrea

Geschichten aus dem Alltag
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8 Antworten zu Wenn Erinnerungen baden gehen

  1. Anna-Lena schreibt:

    Was für ein wunderbarer Ausflug, da bin ich gern mitgegangen.
    Herzliche Ostermontaggrüße
    Anna-Lena

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  2. Ich liebe solche Erinnerungen – zumal dann, wenn sie so wundervoll niedergeschrieben sind.
    Danke, liebe Andrea und herzliche Grüße,

    Sylvia

    Gefällt 1 Person

  3. wholelottarosie schreibt:

    Genau so….
    ja, genau so war es.
    Meine jüngere Schwester und ich fuhren stets mit den Rädern zum Freibad, das waren jeweils 6 km eine Strecke.
    Oft kam auch meine Mutter mit. Sie hatte dann einen Weidenkorb auf dem Gepäckträger, darin eine Schüssel Kartoffelsalat und einige Butterbrote, die wir später, auf der karierten Wolldecke sitzend, mit großem Appetit vertilgten.
    Hach…..die schönen Erinnerungen….

    Gefällt 1 Person

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