Jack

Hereinspaziert! Lokalaugenschein bei einer Haustiermesse in der ehemaligen Schlachthofhalle Wiens. Dort wo einst  Rindvieh in Todesangst vorangetrieben wurde, treibt sich nun eine Menschenmasse durch ein Labyrinth von Verkaufs- und Imbissständen. Vorbei an Leuchtschriftreklamen mit  klingenden Namen wie Gaumensex. Vor so einer steht ein massiges Rindvieh und zwitschert Bier. Vom lustigen Namen der Ausschank angeheitert, schiebt er gleich selber einen Witz. Schaut an die Elefantenkugel, meint er mit Blick auf seine schwangere Frau und lacht, so dass sein Bierbauch schwabbelt.
Vorbei an Tierkäfigen und Pagoden mit bunten Luftballons. Informationsbroschüren über Hunderassen und Zuchtadressen. Ticketabschnitte und leere Coladosen am Betonboden. Gibt’s hier keine Mistkübel?  Dafür jede Menge Utensilien zum Erwerb. Hundeleinen in allen Farben und Mustern,  Katzenkratzbäume in allen erdenklichen Größen, Fressnäpfe zum abwinken, Prêt-à-porter Hundemäntelchen, Polstermöbel, Katzenleinen.
Gedränge  vor einer Bühne. Musik schallt über den Lautsprecher. Ein kleiner Hund versucht mit seinen vier Pfoten auf ein Seil zu steigen. Ein Mann mit Mikrofon feuert ihn an. Er rutsch ab, Gelächter. Er probiert es nochmals. Für ein paar Sekunden steht er am Seil. Applaus.

Genug gesehen.

Ich dache an den seligen Jack, den Hund meiner Großeltern. Eine Rasse war ihm nicht zuzuordnen, kein Ahnenbaum und kein Wurfverzeichnis. Er konnte nicht seiltanzen, aber er wusste jeden Tag ganz genau um welche Uhrzeit unten an der Hauptstraße der Bus aus der Stadt ankommt, aus dem das Herrl aussteigen wird. Er lief ihm entgegen und begleitete ihn nach Hause. Sein Platz war auf der Veranda, bei Sonne, Regen und Schnee, Tag und Nacht. Nur wenn es draußen ganz eisig stürmte durfte er hinein in die warme Stube. Auf Haus, Hof und Bewohner aufgepasst hat er, als würde er darauf warten das Tarantino vorbeikommt um ihn als Security zu entdecken. Zwischenzeitlich verjagte er gerne Katzen aus seinem Revier. Dieses vergessliche Volk aus den Nachbarsgärten lernte einfach nicht dazu. Wie gut dass es den Kirschenbaum als Rettungsinsel gab.
Als er alt, krank und blind wurde, erlöste ihn mein Großvater von seinem Leid. Seitdem ist er im Hundehimmel und sollte es dort auch Katzen geben, wird er seinen Spaß schon haben.

 

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Über andrea

Geschichten aus dem Alltag
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4 Antworten zu Jack

  1. Anna-Lena schreibt:

    Haustiermesse und ehemalige Schlachthofhalle…, da gruselt es mich schon… Unglaublich, wofür Tiere herhalten müssen, sie sind doch keine Dressuraffen.

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  2. monni schreibt:

    Eieiei. Gott hab ihn selig, diesen hit-the-cat-Jack 🙂

    Gefällt 1 Person

  3. …. ich glaub es dir, dass du *genug* gesehen hast.
    Schrecklich ….
    Segen!
    M.M.

    Gefällt 1 Person

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