„Abschalten“

Die Sonntagsknödel köchelten gerade vor sich hin, als sich zur selbigen Zeit irgendwo am Stadtrand von Wien, Herr Radek, diensthabender Leiter des E Werks, sich in sein Auto setzte, um sich auf den Weg eben dorthin zu machen. Herr Radek hatte jedoch kein Interesse an den Knödeln, in diesem Moment sogar an keinem anderen Mittagsmahl. Er fuhr 55 Kilometer zu dem Wochenendhaus seines besten Vorarbeiters. Zu einem Wochenendhaus ohne Telefonanschluss.
Ein Notfall in einem Schacht. Bitte mitkommen. Da half auch das verzweifelte „Aber die Knödel, die guaden Knödel..!“ der beschürzten Vorarbeiterfrau nichts. Notfall ist Notfall, und der gute Mann musste leeren Magens 55 Kilometer mit dem Herrn Radek, ebenfalls mit leerem Magen, zurück in die Wiener Peripherie fahren, und dem Notfall in einem der Schächte, an den Kragen zu rücken.

Hätte es die Segnungen der neuen Zivilisation schon vor vierzig Jahren gegeben, hätte sich Herr Radek  110 Autokilometer erspart. In dem besagten Wochenendhaus hätte das Handy geklingelt, und der Mann der Knödelköchin hätte auch sicher abgehoben. Denn, und das weiß ich aus Erzählungen, es war der einzige sonntägliche Notfall in all seinen Arbeitsjahren im E Werk gewesen.

Reine Spekulation ist es jetzt, dass Herr Radek vielleicht öfters nach Dienstschluss oder an Sonn und Feiertagen angerufen hätte; hätte es seinerzeit schon Handys gegeben. Dass er den Kreuzschraubenzieher gerade jetzt nicht finden kann, wo liegt der denn, der Spannungsmesser auch wieder einmal gewartet gehört, oder dass ein Fahrradl vor dem E Werk umgefallen ist.

In Frankreich gibt es ein neues Gesetz. Arbeitnehmer dürfen in der Freizeit das Diensthandy abschalten weil permanente Erreichbarkeit krank macht.
Schade, dass es dafür erst ein Gesetz braucht. Aber gut so, und ein Anfang für all jene, die noch nicht bereit sind für „ich habe Wochenende und „schalte ab““, oder auch für all jene, die einfach nur aus Angst den Job zu verlieren, dies nicht tun.

 

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Über andrea

Geschichten aus dem Alltag
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