Das schönste Lied der Welt

Die Overalls, wie bunte Farbkleckse in den schwarz weißen Erinnerungen. Am Rodelberg, zu dem die Väter mit den Kindern immer aufbrachen, am 24., am Vormittag, damit das Christkind kommen kann. Ist das Fenster daheim einen Spalt offen? Denn wie soll das Christkind denn sonst in das Zimmer gelangen und all die Geschenke niederlegen. Das wäre ein Drama gewesen. Gedanken die durch den Kopf kreisten während die Holzrodel an der Schnur den Hügel hochgezogen wurde.  Die weisse Haube die am Kinn zu binden war, und grässlich kratzte, aber niemals hätte man sich getraut diese einfach in eine Ecke zu schmeißen . Der freche Fritzi aus der 1b, der vielleicht, der hatte natürlich auch die schnittige Rennrodel mit der er wagemutig den Hügel runter fetzte.
Am nachmittag dann fernsehen, Kinderfilme im staatlichen Sender, ausnahmsweise bis zum Abend, bis zur Bescherung. Das war, ja, wie Weihnachten.
Der Christbaum dann wieder in Farbe. Dunkelgrün mit roten echten Kerzen und  Strohsternen. Und der Geruch von Fichtennadeln und Kerzenwachs. Ein Geruch der nie aus der Nase geht, so wie der einer frisch gedruckten Zeitung oder frischem Croissants.

Irgendwann war man groß, und fand Weihnachten dämlich. Schick wollte man sein, und dieses Fest mit seiner Rührseligkeit passte da nicht so recht hinein. Man traf sich untertags mit angesagten Freunden im angesagten Lokal und schlürfte angesagten Frizzante. Elektrische Lichterkette statt echten Kerzen. Einfacher, schicker und keine Brandgefahr. Die blöden Geschenke waren abgeschafft. Bares oder Gutscheinmünzen bitte. Lieber gleich das richtige selber kaufen als nachher das falsche Parfum umtauschen.

Irgendwann war man noch grösser, und bekam selber Kinder. Fühlte sich an wie beim DKT. Zurück an den Start.  Nur mit vertauschten Rollen und ohne Verschnaufpause in der Arrest Ecke. Weihnachten. Vollgas. Denn perfekt und weihnachtlich sollte wieder alles sein, kein Kinderwunsch unerfüllt bleiben. Gerenne durch die Einkaufsstraßen, vorbei an den Wäschegeschäften mit den roten verwegenen Waren in den Schaukästen, hetzend und  Jingle Bells berieselt durchs Labyrinth der Mega Elektrogeschäfte, schwindelig nicht vom Frizzante oder vom Fritzi, der einen mit seiner Rennrodel geschnitten hat, sondern vom Angebot an Computerspielen, Gameboys, Nintendos und all den Must Haves, ohne denen es vielleicht enttäuschte Kinderherzen gäbe.

Doch wie auch immer die weihnachtlichen Umstände sind. Es gibt immer zwei Minuten, während diesen Weihnachten plötzlich ganz  Weihnachten ist. Zwei Minuten, in denen all die durcheinander geratenen Gedanken sich im Kopf auskreiseln. Das Jesuskind Platz nimmt im Herzen, die Krippe vor den Augen erscheint, der heilige Josef und die Mutter Maria in ihrer Anmut die Seele zur Ruhe bringt. Wo plötzlich alles so klar ist und rein. Man gedanklich durch einen verschneiten Peter Rosegger Wald stapft, Kirchenglocken einer Dorfkirche hört.
Die Nacht heilig wird.

Stille Nacht, heilige Nacht.

Danke an Joseph Mohr und Franz Gruber und für das schönste Lied der Welt.

 

 

 

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Über andrea

Geschichten aus dem Alltag
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3 Antworten zu Das schönste Lied der Welt

  1. monni schreibt:

    Sehr schöne besinnliche Gedanken!

    Gefällt 1 Person

  2. … danke wunderbar!
    Segen!
    M.M.

    Gefällt 1 Person

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